Deutsch I Home

Wolfgang Borchert: Die drei dunklen Könige

 

Zentrale Klassenarbeit

Aufgabe: Gehen Sie von folgender Annahme aus: Einige Zeit später unterhalten sich der Mann und die Frau über diesen Weihnachtsabend. Gestalten Sie den Dialog.

Anmerkung:
Diese Aufgabe wird Borcherts schlichter und dennoch ausdrucksstarker Prosa mit ihren knappen, äußerst realistischen Dialogen in keiner Weise gerecht.
Sie verführt die Schüler/innen bei drei Stunden Arbeitszeit (!) zu langen, geschwätzigen Dialogen, die im krassen Gegensatz zu Borcherts atmosphärisch dichter Erzählkunst und zur Darstellung der beiden Charaktere in ihrer augenblicklichen Lebenssituation (Kriegsende!) stehen.
Nachfolgend möchte ich jedoch die gestaltende Interpretation einer literarisch hochbegabten Schülerin  vorstellen. Urteilen Sie selbst, inwieweit es ihr gelungen ist, Borcherts Sprachstil gerecht zu werden.

Dialog:

Frau: Leg noch etwas Holz in den Ofen. Der Kleine friert sonst.
Mann: (blickt liebevoll auf seinen Sohn hinab) Es ist unmenschlich kalt, so kalt schon seit Monaten. Fast, als wäre eine neue Eiszeit angebrochen. Ich bin so froh, dass unser Sohn gesund ist. Eine Krankheit würde er in dieser Zeit nur schwer überstehen.
Frau: (seufzt) Es ist vorbei. Endlich. Der Krieg. Aber das Leid hört nicht auf. Wir hungern, wir frieren. Die Welt ist kaputt. Schau aus dem Fenster! Was siehst du? Eine Stadt, die keine mehr ist. Ein Ruinenfeld. Manchmal kommt es mir sogar vor, als würden die Steine schreien, überall die Ungerechtigkeit, die in diesem Land geschehen ist.
Mann (Streicht sich eine lose graue Haarsträhne aus der Stirn und tritt ans Fenster.) Der Mond scheint, als wäre er auch tot. Tot wie all die Soldaten, all die Opfer. Sein Gesicht scheint zerbrochen, wie eine Lampe mit zersplitterter Glasscheibe davor.
Frau: (schweigt kurz) Erinnerst du dich noch an Weihnachten, als die Soldaten kamen? Da wusste ich das erste Mal, dass der Krieg vorbei war, endgültig. Sie haben gefroren wie wir, waren halb verhungert und hatten Angst. Sie waren in derselben Situation wie wir. So plötzlich, auf einmal. Es kam mir komisch vor.
Mann: Na ja, die Nazis sind eben auch nur Menschen. Ich meine, die Aufseher im KZ und die Menschen, die sadistisch gequält haben, gehören meiner Meinung nach gehängt, aber die Soldaten… Die waren doch auch nur um ihr eigenes Leben besorgt.
Frau: (schüttelt den Kopf) Man hat immer eine Wahl. Es gab viele, die sich gewehrt haben.
Mann: (wirft einen kurzen Blick auf sein schlafendes Kind) Hättest du dich gewehrt, wenn deine Familie in Gefahr wäre? Hättest du Hans geopfert für deine eigene starke Meinung?
Frau: (Schweigt lange. Ihr Blick ist traurig.) Früher hätten sie uns umgebracht. „Ab ins KZ mit dem Judenpack!“ Und jetzt saßen sie bei uns im Wohnzimmer und haben Hans sogar Spielzeug geschenkt. Irre ist das. Verrückt.
Mann: Sie sind am Ende. Im Grunde sind sie schlimmer dran als wir. Sie sind einem falschen Führer gefolgt. Sie haben für ein Monster Familie, Beine, Arme und die Seele geopfert. Und jetzt? Es bleibt nichts übrig. Nichts, an was sie glauben können. Sie sind zerbrochen wie die Stadt.
(Das Feuer flackert schwach und wirft einen Schein auf das kleine, schmale Gesicht des Kindes.)
Frau: Aber warum haben sie uns nichts getan? Sie haben uns jahrelang gehasst, verfolgt und getötet. Wir sind ihre Todfeinde. Früher hätten sie uns deportiert. Uns sie hätten auch, ohne mit der Wimper zu zucken, Hans getötet. Sie waren so grausam, so kalt. Sie kannten kein Mitleid. Es kam mir immer so vor, als sähen sie uns gar nicht als Menschen an, sondern als nutzlose Schädlinge. Mücken, Kakerlaken. Wie können die Menschen, die unsere Familien ausgelöscht haben, friedlich bei uns im Wohnzimmer sitzen?
Mann: ( ballt die Fäuste, doch sein Gesichtsausdruck bleibt glatt, fast mutlos ) Manchmal möchte ich sie umbringen für alles, was sie uns angetan haben. Ich möchte sie quälen, wie sie uns gequält haben und sie mit so einem Ding (Er hält einen verfransten, gelben Stern mit der Aufschrift „Jude“ zwischen Daumen und Zeigefinger) herumlaufen lassen, damit jeder sieht, was für ein Abschaum sie
sind… - aber, Maria, das sind die Falschen. Die Soldaten. Sie sind ebenfalls Opfer. Sie wurden gezwungen Maschinen zu sein und Maschinen, die nicht funktionieren, werden manchmal verschrottet.
Frau: Ich hatte so Angst. In dem Moment, als sie sich über Hans beugten, dachte ich, es wäre aus. Oh, Peter, ich bin so froh, dass Hans lebt.
Mann: (legt einen Arm um die Frau und sie lauschen gemeinsam dem gleichmäßigen Atem des Kindes) Wie gut, dass es noch so etwas Schönes gibt in dieser Welt. Das unschuldige Schlafen eines Kindes.
Frau: Es ist mir immer noch ein Rätsel, warum dieser Hass auf uns mit einem Mal gestorben ist. Das kann doch nicht sein! Wie kann man so von einer Sache sein und sie dann so schnell wieder vergessen?
Mann: Sie haben Angst, Maria. Jetzt sind sie an der Reihe, Angst zu haben. Schau, die Russen rächen sich, die Polen…
Frau: Warum sollten sie vor uns drei Angst haben? Ein Baby und zwei halb verhungerte, ausgemergelte Gestalten. Drei Schüsse und wir wären alle tot. Es wäre ein Leichtes für sie, uns umzubringen: d as Judenpack, die Parasiten, die das Land verseuchen.
Mann: Ich weiß es auch nicht, Maria. Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht haben sie auch genug vom Krieg. Vielleicht können sie ihre Augen kaum offen halten vor lauter Schmerz, weil sie die Asche blendet. Die Asche, die glänzt vom Blut der Menschen, die sie eigenhändig umgebracht haben. Ich glaube, viele wünschen sich, sie wären blind.
Frau: (schaut auf ihre wunden Hände, die sie in ihrem ausgeblichenen Rock vergräbt) Das wünsche ich mir manchmal auch, wenn ich hinaus auf die Straße sehe. Alles, was früher hell und schön war, ist jetzt schwarz. Verbrannte Gebäude, graue Trümmer und schwarzes, verkohltes Gras. Wie kann man an so einem Ort glücklich leben?
Mann: Man kann. Man kann überall leben und man kann sogar glücklich sein, solange man eine Familie hat.  (Wieder legt er einen Arm um seine Frau und lächelt beim Anblick des Kindes.)
Frau: So viel Angst ist ausgestanden worden. Das kann man nicht mehr gut machen. Man sieht es in den hohlwangigen, weißen Gesichtern und den Augen, die immer bereit sind geschlossen zu werden. Selbst die Türen knirschen in meinen Ohren anders. Fast, als verspürten sie noch immer die Angst, von Springerstiefeln eingetreten zu werden.
Mann: Du hast Recht. Jeder hat Angst. Noch immer verriegelt man die Haustür fest und wacht nachts auf, weil man glaubt, das von der Gestapo geschriene Wort „Aufmachen“ zu hören.
Frau: Die Soldaten an Weihnachten hatten auch Angst. So sehr, dass der eine gar nicht mehr aufhören konnte zu zittern. Es ist unheimlich, aber es geht ihnen gleich wie uns. Auch sie haben ihre Kameraden verloren, auch sie weinen nachts, wenn sie keiner hört. Und trotzdem sind sie die größten Feinde und wie sollten sie hassen. Damit komme ich nicht klar.
Mann: (wirft ein paar trockene Ästchen ins Feuer, zusammen mit zwei gelben Judensternen. Gebannt sieht er zu, wie die schwarze Farbe verläuft und aufs brennende Holz tropft.) Ja, wir sollten sie hassen. Aber das kann ich nicht mehr richtig. Ich bin müde von allem Hass. Außerdem weiß ich nicht, wen ich dafür verurteilen soll.
Frau: Hass hat keinen Sinn. Er ändert nichts mehr daran. Alles ist kaputt.
(Der Mond flackert blass wie das Feuer. Die gespaltene Spitze des Kirchturms bricht wie ein sterbender Baum hervor.)
Mann: Es ist fast Morgen und wir haben kaum geschlafen. Wir sollten uns hinlegen. Wenn man schläft, verspürt man keinen Hunger.
Frau: (nickt und wickelt das Kind fest in eine Decke)
Mann: Jetzt ist es gar nicht mehr kalt hier drin. Die Sterne brennen gut. (Er lacht.)
Frau: Ich weiß es. Ich weiß warum sie uns nichts getan haben. Es war Weihnachten und Hans hat gelebt.
Mann: Wie meinst du das?
Frau: Hans hat geschrien, so voll Kraft! Es war schön für sie, mal etwas zu sehen, das lebte und nicht schwarz war, in Trümmern oder von Würmern zerfressen. Hans war ihr Weihnachtsgeschenk. Einfach, weil er lebte.

Fabienne B.

Counter / Zähler