Home Nach oben

   DEUTSCH
______________________________________________________________________________

Links zu Borchert und Steenfatt

 

Gestaltende Interpretation

 

Vorbemerkung:

Den gestaltenden Interpretationen war eine gründliche Erarbeitung der Originaltexte von Friedrich Dürrenmatt und Ödön von Horváth vorausgegangen, wobei sich die Schüler vor allem mit den Hauptfiguren auseinandergesetzt hatten. Diese Vorarbeit ermöglichte erst das Verfassen von Briefen, Tagebucheinträgen oder inneren Monologen.
Was Dürrenmatts "Der Tunnel" betrifft, so konnten die Schüler, anstatt eine der im Text erwähnten Personen (Schachspieler, Romanleserin, Engländer, Schaffner, Zugführer...) zu wählen, auch aus der Sicht neuer Figuren schreiben. Bei einer Erzählung, in der eine Zugfahrt im Mittelpunkt steht, bietet sich eine solche Möglichkeit geradezu an: Reisende und Personal stellen hier ohnehin einen Querschnitt durch die Gesellschaft, ja sogar die gesamte Menschheit dar! Voraussetzung war selbstverständlich, dass sich die Schüler zu ihrer neuen Figur einen detaillierten Steckbrief überlegten: biografische Einzelheiten, familiärer Hintergrund, Persönlichkeitsmerkmale, Interessen, Neigungen und vor allem auch Anlass und Ziel der Reise. Nur so war es möglich, die Erzählung bzw. den inneren Monolog wirklich glaubwürdig zu gestalten.
Eine Bedingung mussten schließlich alle "Interpretationen" erfüllen: Sie durften den Originaltexten in ihren Grundzügen nicht widersprechen. Stimmigkeit ist das entscheidende Kriterium! Inwieweit dieses bei den hier vorgelegten Beispielen erfüllt wurde, möge der Leser selbst beurteilen. Im Unterricht ging die Klasse in ihren Stellungnahmen ausführlich darauf ein.

 

Beispieltexte zu Horvaths "Jugend ohne Gott":
 

  1. Evas Tagebucheintrag über ihre Beziehung zu Z ( Fabienne B. )
  2. Abschiedsbrief des Schülers T an seine Eltern ( Anglina H. )
  3. Die Ermordung des Schülers N: T beschreibt, wie es dazu kam ( Markus H.)
  4. Die Mutter des Schülers T erzählt  (Brigitte J.)
  5. Abschiedsbrief des Schülers T an seine Eltern ( Nicole M. )
  6. Tagebucheintrag des Schülers Z am Tag der Gerichtsverhandlung ( Melanie R. )
  7. Tagebucheintrag des Schülers T vor seinem Selbstmord ( Sabine S. )
  8. Tagebucheintrag des Schülers B ( Kathrin W. )

Beispieltexte zu Dürrenmatts  "Der Tunnel"

  1. Hauptfigur: junger Mann ( Fabienne )
  2. Hauptfigur: junge Frau ( Svenja )
  3. Hauptfigur: Studentin ( Kevin  )
  4. Hauptfigur: querschnittgelähmtes Mädchens ( Kathrin  )

 

 
 

Fabienne  (2007)

Gestaltende Interpretation nach dem Roman Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth
Evas Tagebucheintrag über ihre Beziehung zu Z

Liebe, das ist so ein Wort. Keiner kann es mir richtig erklären. Was Liebe wirklich ist, wie sie sich anfühlt im Körper. Ich weiß nicht, ob ich je verliebt war. Eigentlich sollte ich es sein, nach allem, was passiert ist. Aber nein- ich weiß es nicht. Es ist schwierig, zu wissen, was man wirklich fühlt. Vor zwei Tagen habe ich ihn getroffen, den Jungen. Er stand allein auf einem Hügel inmitten von Gestrüpp und Dickicht. Er war groß und schlank, fast dünn. Seine grüne Soldatenuniform schlenkerte um seine schmalen Beine. Ganz hilflos blickte er um sich. Er hatte sich verirrt. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich allein war. Es fuhr durch mich wie ein Stromschlag. Ich war allein, ich war es immer gewesen. Ich weiß nicht, irgendwie spiegelte dieser Junge meine Einsamkeit wieder. Es war ein starkes Gefühl. Ich wollte nicht, dass es wieder verschwand. Ich wollte auch nicht, dass der damit verbundene Schmerz aufhörte. Er gab mir das Gefühl, noch einen Sinn im Leben zu haben. Meine zwei Jungs drängten mich ungeduldig zum Weitergehen. Wir hatten Diebesgut bei uns und es war gefährlich , ewig damit herumzulaufen. Ich wollte nicht weg. Und ich konnte es den Jungs auch nicht erklären. Wie sollte ich ihnen dieses Gefühl beschreiben? Ein paar verwirrt um sich irrende Augen, gemischt mit einer zu großen Soldatenuniform. Wir sind alle von Geburt an allein. Wir kämpfen, bis wir sterben. Wir suchen ständig nach etwas, was wir nie erreichen. Das vollkommene Glück. Aber so etwas kann man Jungs nicht erklären. Sie würden darüber lachen. Also schickte ich sie fort. Ich ging langsam auf ihn zu, blieb vor ihm stehen. Er hatte ganz helle Augen, blaugrün und riesig. Sie gefielen mir nicht. Ich mag keine blauen Augen bei Jungs. Sie schauen so starr, so kalt. Man denkt, man könne jedes Gefühl darin ablesen, was nicht stimmt. Blaue Augen sind Lügner. Sie sagen nie die Wahrheit. Ich schlug ihm vor, ihn zu begleiten, weil er allein ja bestimmt nicht zurückfinde. Er nickte, sagte jedoch nichts. Er redete sowieso nicht viel. Schaute mich nur an mit seinen hellen Augen und ich fühlte mich auf einmal nicht mehr so einsam zum ersten Mal in meinem Leben. Ich sah das Zeltlager schon von weitem. Ich blieb stehen. Ich musste gehen. Ich wollte ihn küssen. Ich sagte ihm das auch. Nur dürfe er das keinem sagen. Ich wollte nicht, dass es jemand weiß, weil... ja., keine Ahnung warum. Ich wollte es einfach nicht. Erst küsste ich ihn auf die Wange, dann auf den Mund mit Zunge. Das fand er eklig und er fragte mich, was ich denn mit der Zunge mache. Ich lachte nur. Er hatte keine Ahnung von Frauen. Das war mir klar. Ich küsste ihn wieder. Er stieß mich von sich. Ich nahm einen Stein und warf ihn nach ihm. Direkt in seine Richtung. Ich wollte ihn treffen, ich wollte, dass er blutete, weil es mich verletzte, dass er mich abwies. Als wäre das, was ich tat abnormal oder schmutzig. Ich fühlte mich wieder unverstanden und einsam. Der Stein verfehlte ihn. Hätte er ihn am Kopf getroffen, wäre er jetzt tot. Ich zitterte leicht, weil es mich erschreckte, wie weit ich gegangen war. Es war eine Verbindung da. Eine harte, unnachgiebige Verbindung zwischen uns. Ich wollte ihm meine Erregung nicht zeigen. Dieses komische Gefühl, das sich weniger mit Liebe, als mit dem Verlangen nicht mehr allein zu sein, erklären lässt. Er sagte, dass ich gehängt würde. Na und? Ich dachte an all die Dinge, die ich gestohlen hatte, an all die Menschen, die ich belegen hatte... gehängt werde ich sowieso. Und manchmal frage ich mich, weshalb ich noch davonrenne und mich nicht von ihnen fangen lasse.

In diesem Moment fragte ich mich das nicht. Er stand so weit weg von mir. Diese Augen... so kalt, so unberührbar. Und doch wusste ich, ich konnte ihn zum Weinen bringen. Ich konnte diese Härte in Wasser verwandeln, mit einem Satz, mit Worten... „Komm her." Er trat vorsichtig näher. Ich packte ihn und und küsste ihn noch einmal. Hart, herausfordernd, brutal... irgendwie. Es war schön. Meine Hände in seinen blonden Stoppeln. Meine Zunge in seinem Mund. Er riss sich los, das Gesicht verzerrt von Wut. Er packte einen Ast und schlug auf mich ein. „Ich mag das nicht, verdammt! Hast du mich nicht verstanden?!" Seine Schläge taten nicht weh. Ich bin Härteres gewohnt. Trotzdem klappte ich zusammen, um zu testen, was er als nächstes tat. Ich schloss die Augen und spielte tot. Zuerst blickte er erschrocken, dann erleichtert wie es schien. Aha, doch nicht so kalt wie du tust, dachte ich bei mir. Er kniete sich hin und schob seine Hände unter meinen Rock. Ganz nach oben, immer weiter... ein Schauer lief mir über den Rücken und ich bekam Gänsehaut. Das war komisch irgendwie und doch schön. Noch immer wollte ich ihn weinen sehen und ich wollte nicht, dass er fortging. Er war so verletzlich wie ich und ich war froh, dass er da war. Er riss den Rock hoch. Ich hatte nichts drunter aus dem Grund, weil ich keine Unterwäsche mehr besitze. Meine Gänsehaut blieb. Ein ungekanntes Verlangen packte mich mit Haut und Haaren. Ich zerrte ihn auf die Erde und dann.... ja dann taten wir etwas, was man eigentlich nur tun sollte, wenn man mit einem Jungen wirklich zusammen ist. Es war bei mir das erste Mal. Ich blutete ein bisschen und es tat auch weh. Aber nicht sehr, nur ein kurzes Ziehen. Sonst war es ungewohnt, aber schön. Und ich war nicht allein. Ich hätte schreien können. Ich war ihm so nah. Näher ging nicht mehr. Ameisen krabbelten mir über die nackten Beine, Laub und kleine Ästchen stachen durch mein hochgerutschtes Kleid. Ich spürte es kaum. Ich spürte nur ihn und hörte seinen gepressten Atem. Ich weiß nicht, ob es schlecht war. Ob ich jetzt ein verdorbenes Mädchen bin, eine Hure. Ich bereuhe es nicht. Seine hellen Augen sahen dabei gar nicht mehr so hart aus. Er will mich wieder sehen. Ich sagte ja, obwohl ich nicht weiß, ob ich das auch will. Ich liebe ihn nicht. Er ist nur der einzige, der auch allein ist, der das das verkörpert, was ich bin, der so aussieht, wie ich mich fühle. Hart und hilflos, dünn und voll Überlebenskraft. Ich möchte es wieder tun. Vielleicht, weil ich ein verdorbenes Mädchen bin. Dann ist es okay, verdorben zu sein. Dann macht es mir nichts aus. Ich sehe ihn wieder und ich weiß noch nicht einmal warum.

 

Angelina (2007)

Gestaltende Interpretion nach dem Roman „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horvàth

Ts Abschiedsbrief an seine Eltern

Mutter, Vater, wenn ihr diesen Brief liest, gibt es mich nicht mehr! Ich habe mich dazu entschlossen, meinem Leben ein Ende zu setzten. Denn der Lehrer trieb mich in den Tod! Der Lehrer weiß es, dass ich den N erschlagen habe. Mit dem Stein. Es war nicht der Z und auch nicht das Mädchen. Ihr wollt wissen, wieso ich das getan habe? Das sage ich euch gerne. Ihr seid schuld! Vater, du warst nie da und Mutter, du hast du hast dich nie um mich gekümmert. Für alle Leute hattest du Zeit, nur für mich nicht. Weißt du noch damals, als ich mir mein Bein gebrochen hatte und nach dir rief? Nein, du weißt es sicher nicht mehr, denn du kamst nicht! Du liest mich einfach dort sitzen, bis die Putzfrau kam, um mir zu helfen. Du wolltest mich nicht trösten und du hast es auch nicht getan. Wieso nicht? Mit dieser Frage sterbe ich. Aber der Tod macht mir nichts aus, denn ich weiß ja, wie das Sterben geht. Ich wollte es immer sehen, wie einer stirbt und diesen Wunsch habe ich mir beim N erfüllt. Die Gelegenheit kam, als der N und der Z gestritten hatten und bei ihnen das Mädchen war. Sie hielt einen Stein in der Hand, faustgroß und flach war er. Den riss ich ihr aus der Hand und lief dem N nach. Als ich ihn eingeholt hatte, fragte ich ihn, wieso er denn mit dem Z gestritten hatte. Er antwortete mir, dass es wegen dem Tagebuch gewesen sei. Er lief wieder weiter, da schlug ich ihn den Stein von hinten an den Kopf, so stark, wie ich nur konnte. Er brach auch sofort zusammen und ich schaute ihm beim Sterben zu. Es dauerte auch gar nicht lange. Er zuckte nur noch einige Male zusammen und dann war es still. Nun, als es nichts mehr zu sehen gab, packte ich ihn und schleifte ihn in einen Graben. Mich ergriff jetzt aber Panik und ich rannte davon, ganz schnell. Dabei verlor ich meinen Kompass, der mich später verraten sollte. Vielleicht wollt ihr wissen, wieso ich einen Menschen sterben sehen wollte? Ich weiß es auch nicht! Diese Neugierde  entstand schon, als ich klein war und keiner sich um mich kümmerte. Ich musste mich alleine beschäftigen, also beobachtete ich. Ich beobachtete alles und jeden. Die Ameisen, wie sie ihre Beute davon trugen, die Menschen, die in unserem Haus ein und aus gingen und auch dich, liebe Mutter! Wann immer ich dich zu Gesicht bekam, beobachtete ich deine Gestik und deine Körpersprache. Ich konnte daran geradezu deine Gedanken lesen, dass du mich nicht bei dir haben wolltest. Anfangs empfand ich deshalb Trauer, dann Hass und irgendwann gar nichts mehr. Ich beobachtete nur noch, ohne etwas zu fühlen und dann, als ich schon fast alles gesehen hatte, kam mir der Gedanke, ich müsste einen Menschen sterben sehn. So kam das, Mutter. Du kannst dir also auch die Schule an meinem und dem Ns Tod  geben!

Um noch mal auf den Kompass zurück zu kommen: Der Lehrer wusste alles. Schon kurze Zeit nach der Gerichtsverhandlung erfuhr er, dass es mein Kompass war, der beim N gefunden wurde. Auch sagte ihm jemand, dass ich einen Menschen sterben sehen wollte und nun war dem Lehrer alles klar. Er lud mich auf ein Eis ein, um mit mir zu reden, doch ich grinste ihn nur an, wie ich es immer tat und erzählte ihm nichts. Trotzdem versuchte er weiterhin, mich zu überführen. Er kam sogar zu uns nach Hause, um mit dir, Mutter, zu reden. Aber du hattest Besuch und keine Zeit, wie immer. Doch diesmal war es gut, dass du keine Zeit hattest, sonst hätte der Lehrer dir alles erzählt. So ging ich zu ihm und natürlich verlief dieses Gespräch auch nicht besser für ihn, weshalb er schon bald wieder ging. Nun, am nächsten Tag hatte sich der Lehrer Hilfe geholt und ich sollte überführt werden. Wie genau, das weiß ich nicht. Nur eines war mir klar geworden: er würde so lange nicht ruhen, bis er mich überführt haben würde und das gab den Ausschlag! Ich wollte sterben. Lieber bin ich tot, als dass ich ins Gefängnis gehe. Jetzt endet mein kurzes Leben und ich falle euch nicht länger zur Last. Lebt wohl!

 

Markus 

Die Ermordung des Schülers N: T beschreibt, wie es dazu kam

Heute haben sich der N und der Z gerauft. Wegen dem Tagebuch des Z, das soll nämlich der N erbrochen und gelesen haben, sagt der Z.
Der Z sagt, er bringe den N noch um. Wird er es machen? Wenn ja, will ich dabei sein, sehen wie er stirbt. Das wollt ich schon lang mal, sehen wie einer stirbt.
Wenn der Z ihn nicht umbringt, dann tu ich es, dann werden trotzdem alle glauben, dass es der Z war.
„Du hast es erbrochen, ich bring dich um!“ höre ich den Z wieder schreien. Ich schaue den Lehrer an, er bemerkt nicht, dass ich ihn beobachte, da er in Gedanken ist. Er starrt auf die Rauferei, dieser Fisch. Das ist eine Sache, die wir gemeinsam haben: wir beobachten gern. Wie gern würde ich manchmal wissen wollen, was der Lehrer denkt. Wahrscheinlich hat er das Kästchen erbrochen und überlegt, was er als nächstes tut.

(ein paar Stunden später)

Der Z hat den N immer noch nicht umgebracht. Wird er es heute Nacht tun? Es ist schon dunkel und die Wachen sind schon aufgestellt. Ich schleiche mich aus dem Zelt heraus; keiner bemerkt mich. Wenn der Z den N heute Nacht umbringt, will ich dabei sein. Ich schleiche zwischen den Zelten umher und bin froh, wenn wieder eine Wolke den Mond bedeckt, denn dieser ist heute Nacht hell und die Schatten der Zelte sind für mich wie Eisschollen. Auf ihnen bin ich sicher.
Langsam nähere ich mich dem Z, der soeben den G abgelöst hat. Ich verstecke mich im Wald, damit mich niemand sieht. Plötzlich ertönt rechts von mir ein leises Knacken. Ich gehe hin, es ist der Lehrer. Er starrt auf den Z und das Mädchen, die sich gerade im Mondschein küssen. Was er jetzt bloß denkt?
Ich nähere mich ihm, der Mond ist bedeckt, alles ist dunkel. Dann spüre ich eine Hand in meinem Gesicht, die aber sofort wieder zurückweicht. Es ist der Lehrer. Ich entferne mich wieder und warte, bis alles still ist.
Nun ist es Morgen, meine Augen werden schwer, doch ich verfolge den Z immer noch. Er geht in den Wald. Will er zu dem Mädchen? Der N verfolgt ihn, doch der Z bemerkt es nicht. Er geht auf einen Felsen, das Mädchen sieht ihn auch, den N.
Plötzlich rennt der N los und wirft den Z zu Boden. Die beiden raufen sich, doch der N ist stärker. Er wirft den Z die Felsen hinunter. Wutentbrannt rennt das Mädchen mit einem Stein auf den N zu. Er rennt weg, rennt an mir vorbei, bemerkt mich aber nicht. Ich beschließe dem Mädchen die Aufgabe abzunehmen. Als sie an mir vorbeirennt stürze ich mich auf sie und entreiße ihr den Stein. Der N hat nun einen Vorsprung und ich bin langsamer als er. So werde ich ihn nicht einholen können. Ich habe eine Idee, ich rufe nach ihm: „N, bleib stehen, ich bin es, der T, ich tu dir nichts!“ Mein Plan funktioniert, ohne mich körperlich anstrengen zu müssen, nähere ich mich dem N. „Hey N, komm, wir müssen ins Lager, es den anderen erzählen.“ Er stimmt mir zu und als er frägt, was ich hier mache, sage ich: „Ich bin dem Z nachgegangen, weil ich Angst um dich hatte.“
Er geht voran, ich hebe den Stein, um ihn zu erschlagen. „Es wird nicht weh tun, ganz schnell gehen, die anderen werden glauben, es war der Z.“ Mit diesen Gedanken schlage ich mit voller Wucht auf N’s Hinterkopf. Er schreit nicht auf, fällt sofort zu Boden.
Ich stehe reglos da, ich habe es geschafft! Ich hebe meinen Traum erfüllt.
Der N liegt mit offenen Augen da und bewegt sich nicht. Nun muss ich ihn noch verstecken. Ich schleife ihn in eine kleine Grube, wo er schwer zu finden sein wird. Stolz blicke ich ihn noch einmal an.

Da liegt er, wie ein toter Fisch.

 

Brigitte

 Die Mutter des Schülers T erzählt:

 „James! Einen Kräutertee, aber schnell!“ Ich ziehe meine teuren Riemchensandalen aus und werfe einen Blick in den Spiegel. Meine müden Augen haben einen blassen Schimmer und das ganze Make-up ist dahin.

Im Bad bereite ich mich für die Nacht vor, jeden Abend das gleiche Ritual eben. Als ich zur Haarbürste greife, fällt mir auf, dass etwas nicht stimmt. Auf dem Toilettentisch liegt ein weißer Briefumschlag. Hat James ihn gerade dahin gelegt?
 „ James! Wo bleibt mein Tee?“ Dieser alte Kerl gehört in den Ruhestand! Ich nehme den Briefumschlag in die Hand und sehe, dass „Für Mama“ mit der wackeligen Schrift meines Sohnes daraufsteht. Ich öffne den unverschlossenen Umschlag und es erscheint ein schlichtes, weißes Blatt. Was da draufsteht? Zuerst entwickelt sich pure Trauer in meinem Herzen und dann erwacht die blanke Wut. Wie kann mein einziger Sohn, der Erbe meines Geldes, unserer Familie, nur so ein Unheil bringen, gerade jetzt, wo ich am Höhepunkt meiner Karriere stehe?! Ich haste in mein Büro, um dort nachzudenken. Eine Weile lang laufe ich nur wirr im Zimmer umher, ohne Zeitgefühl, ohne Gefühle und Gedanken. Ich brauche Ideen, jede Menge Ideen, dass der Ruf meiner Firma erhalten bleibt. Plötzlich greife ich zum Telefon und wähle die Nummer des Polizeireviers der Stadt. Die Beamten haben volles Verständnis und machen sich an die Arbeit. So, das wäre geschafft und dazu habe ich noch ein wenig Zeit, bis die Polizei hier eintrifft.

Ich binde meine langen, braunen Haare zu einem festen Dutt zusammen und ziehe meine Lippen nach. Dann ist es so weit, es klingelt an der Haustür, und bevor ich meinem Diener befehle, die Türe zu öffnen, zerreiße ich einen Teil des Briefes und zerknülle den Rest in meiner rechten Hand. Noch schnell greife ich zu der Erkältungscreme meines Mannes, tupfe sie unter meine Augen und es ist alles perfekt, wie immer. Mit einem hämischen Lächeln treten die Polizeibeamten in das Foyer. Sie verkündigen, dass sie meinen Sohn gefunden haben, in einem Graben vor dem Fichtenwald. Künstlerisch breche ich zusammen, als wäre ich eine trauernde Witwe. Mir wurde hoch geholfen und ich verlange nach einem Taschentuch. Wie einfallslos und geschmacklos es von meinem Sohn war, so zu sterben. An einem morschen Baum erhängt. Kurz darauf trifft der Lehrer ein. Er wird schon sehen, was ihn erwartet. Ich fange an, ihn zu beschimpfen, ohne dass er eigentlich weiß, was passiert ist. Die Polizei informiert  ihn über das Geschehen und er ist rechtlich geschockt, die Angst steht in seinen Augen. Giftig schmeiße ich den Teil des Briefes in sein schmieriges Gesicht: „ Der Lehrer ist schuld an meinem Tod!“ Diese Worte liest er flüstern und zitternd vor. Als ich das Wort „Tod“ höre, wird mir plötzlich alles klar. Mein einziger Sohn, den ich 14 Jahre lang großgezogen und verwöhnt habe, ist tot! Ich fange an zu grinsen, dann ein Glucksen, bis ich lachend auf dem Boden liege. Ohne dass ich bemerke, dass mir der restliche Teil des Briefes aus der Hand fällt, wird mir schwarz vor Augen. Es war vorbei…

 

 

Nicole  (2007)

Gestaltende Interpretation nach dem Roman "Jugend ohne Gott" von Ödön von Horváth

Ts Abschiedsbrief an seine Eltern

Für Mutter und Vater,
wenn ich euch beide überhaupt meine Eltern nennen kann, denn ihr beide wart nie für mich da. Ich war immer allein, ohne Familie. Und nun? Es lohnt sich nicht mehr zu leben. Euch wäre es egal, ob ich leben oder sterben würde.Ihr hattet immer nur eure Karriere und euren Ruf im Sinn.Du, Vater,lebst nur für deinen Konzern. Natürlich bist du ein wichtiger Mann, da du einen Konzern leitest.Jedoch kann ich keinen Respekt vor dir haben. Ich bekam dich fast nie zu Gesicht. Und du, Mutter. Wie du weißt, hatten wir nie ein gutes Verhältnis. Du lebtest dein Leben und ich lebte meins. Dein ganzes Leben bestand darin, schick und elegant aus zusehen. Du pflegst dich lieber, als dich um mich zu kümmern.Dir wäre es doch recht, wenn ich wie ein Straßenköter "verrecken" würde. Lieber trinkst du mit deinen Freundinnen Kaffee, isst Kuchen und tratschst mit ihnen über den neuesten Klatsch, als einmal meine Probleme anzuhören. Du denkst immer nur an dich. Nur deine Probleme sind für dich wichtig. Nein, Mutter ich mag dich ncht. Du bist kaltherzig und gehässig. Wie oft wünschte ich mir eine Familie. Eine richtige Familie. MIt Sicherheit wundert ihr euch beide nun, während ihr diesen Brief durchlest, dass ich so empfinde.Klar, ich war immer zurückgezogen. Ich beobachtete viel lieber, als dass ich handelte oder mit Leuten sprach. Aber daran seid auch ihr Schuld. So oft belauschte ich meine Klassenkameraden, wie sie über ihre Familien erzählten. Wie deren Vater beim Abendessen über seine Kriegserlebnisse berichtete und die Söhne aufmerksam zuhörten. Solche Kleinigkeiten vermisste ich auch in meinem Leben. Natürlich hatten wir Geld wie Heu, aber was bringt der ganze materielle Wert, wenn keine Liebe im Haus herrschte. Darum frage ich euch, war ich etwa daran Schuld, dass ich so ein trostloses und liebloses Leben hatte? War ich Schuld, dass wir keine Familie waren, die zusammen hält? War ich Schuld an eurer verkorksten Ehe? Die ganzen 14 Jahre fand ich keine Antworten auf diese Fragen. Nächtelang blieb ich wach, beschäftigte mich mit perversen Bildern, auf denen verkrüppelte Menschen oder Leute mit Wunden abgebildet waren. Wie runtergekommen muss man sein, um solche Bilder fantastisch zu finden? Vielleicht bemitleide ich mich nun selbst, aber von meiner Familie bekam ich nie Mitleid. Unser Butler war besorgter um mich als ihr. Ich will nicht mehr Leben. Warum schickte mich Gott nur auf diese Welt? Jedoch seid ihr, meine Eltern, nicht alleine Schuld an meinem Tod. Mitschuld hat auch der Lehrer. Denn er wusste, dass ich der Mörder war. Dass ich den N ermordete. Ja ihr lest richtig. Ich war es und sonst kein anderer. Mein größter Wunsch war es, einmal einen Menschen zu sehen, der langsam stirbt. Ich wollte die Macht über eine Person haben. Sein Leben lag ganz in meiner Hand. Ich fand es toll, die letzten Zuckungen von Ns Körper zu beobachten. Ja, der Lehrer trieb mich in den Tod, da er wusste, dass ich der Mörder war. Während ich diesen Abschiedsbrief schreibe, wird mir immer klarer , dass ich mich umbringen muss. Selbstmord ist die einzige Lösung, um meinem Leiden ein Ende zu setzen. Ich hoffe, dass ich mit diesem Brief euch eure Augen öffnen konnte. jedoch ist es nun sowieso alles zu spät. Im Grunde brachtet ihr den N um, da ihr mich die ganzen 14 Jahre ignoriert habt.

Euer T

Melanie

Tagebucheintrag des Z  am Tag des Gerichtsprozesses

Ich hasse sie. Ich hasse alle. Dieses Luder liebt mich nicht. Sie sagte, sie hätte mich auch nie geliebt. Pah, was fällt der eigentlich ein? Eva hat mit mir gespielt, Es war wohl alles nur Show. Ich habe ihr vertraut und habe mir schon eine gemeinsame Zukunft vorgestellt und jetzt? Alles umsonst. Die Gerichtsgeschichte für die Katz. Es hatte alles gut angefangen. Alles lief nach Plan. Ich lenkte den Verdacht genau auf mich, dass der Richter auch nicht auf die Idee kommen konnte, Eva zu verdächtigen. Dabei wusste ich selbst nicht, ob sie die Schuldige war oder nicht. Sie erzählte mir, ein Fremder war es. Jetzt trau ich ihr aber alles zu. Vielleicht war sie es ja doch. Der Richter glaubte mir. Wenn nur dieser Kompass nicht gewesen wäre. Er gehörte dem Mörder und ich hatte vergessen ihn zu erwähnen. Peinlich. Dann kam auch noch meine Mutter, dieses hysterische Weib und erzählte, dass ich gar keinen Kompass hätte. Dies nutzte mein Verteidiger aus. Er hatte seine Sache gut gemacht. Im Nachhinein bin ich froh darüber, sonst wäre ich vielleicht doch noch unschuldig im Knast gelandet. Eva hätte das wohl nichts ausgemacht. Dieses Luder. Kann man so verlogen sein? Sie spielte mir alles nur vor. Wer weiß, wie viele Liebhaber sie noch hatte? Sie ekelt mich an. Ich hasse sie. Genauso wie unseren Lehrer. Bei der Gerichtsverhandlung gestand er plötzlich, dass er mein Kästchen aufgebrochen hat. Er hatte mein Tagebuch gelesen. Nicht der N. Hätte ich mir auch denken können. Vielleicht wäre es nie zum Streit zwischen N und mir gekommen, wenn er seinen Mund mal etwas früher aufgemacht hätte. Nur wegen im saß ich überhaupt auf der Anklagebank. Idiot. Vielleicht würde N noch leben? Er war eigentlich ein ganz netter Kerl. Auf ihn war Verlass. Jetzt habe ich niemanden mehr, dem ich vertrau. Auf Eva hatte ich alles gesetzt. Ich hätte alles getan für sie. Ich hatte ihr gesagt, sie sei kein verdorbenes Mädel. Hatte mich wohl getäuscht. Meine Mutter hatte wohl ein Stück weit Recht, was Eva angeht. Doch sie ist auch nicht besser. Ich gehe nicht zu ihr zurück. Ich hasse sie und sie hasst mich. Wegen der ganzen Geschichten von früher. Ich hoffe nur, dass mein Verteidiger mich heil aus der Sache herausbringt. Sie sollen den wahren Mörder endlich finden. Vielleicht sperren sie ja doch Eva ein, weil sie den großen Unbekannten nicht finden. Geschieht ihr recht. Ich will sie nicht mehr sehen. Was mache ich jetzt nur? Die Schule abbrechen und gleich einen Beruf lernen? In den Waffenfabriken werden immer Leute gebraucht. So kann ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen. Später kann ich dann immer noch Postflieger oder Erfinder werden. Ich lass mich nicht unterkriegen. Nicht von dir, Eva. Ich werde kämpfen und ich werde es schaffen. Es gibt noch genug andere Mädchen in dieser Stadt. Eines Tages wirst du es bereuen, dass du nicht meine Freundin bist.

 

Sabine

Tagebucheintrag des T vor seinem Selbstmord
 

Liebes Tagebuch!

Ich bin verzweifelt! Ich sehe keinen Ausweg mehr. Der Lehrer weiß, dass ich den N umgebracht habe. Woher kann er das wissen? Ich habe doch nie etwas gesagt und mir auch nichts anmerken lassen. Kann er Gedanken lesen? Ich würde so gerne alles rückgängig und ungeschehen machen. Würde der N doch noch leben! Dann wäre alles einfacher und der Lehrer würde mich nicht nerven und verurteilen. Woher konnte er es nur wissen? Er war zu jener Zeit doch im Lager. Oder spionierte er hinter uns her? Beobachtete er uns noch öfter, als wir es annahmen? Doch warum beobachtete er uns? Und warum ist er so feig, mich nicht sofort auf die Tat anzusprechen? Er war so hinterlistig und hat es so clever angestellt, dass ich mich verplappert habe. Was geschieht nun, werde ich verurteilt, muss ich gar ins Gefängnis, oder was passiert mit mir? Ich war so unvorsichtig! Ich bereue alles, was ich getan habe, aber es kann nicht rückgängig gemacht werden. Aber wenn ich ins Gefängnis kommen sollte, würde ich nicht langsam vor mich hinsterben? Nein, das will ich nicht. Besser kurz und schmerzlos! Sterben, tot sein, ja, das ist der einzige Ausweg. Was bringt mir das Leben? Was bringt mir das Leben überhaupt? Es ist doch sinnlos ein Kind in die Welt zu setzten und sich dann nie um es zu kümmern. Meine Mutter hatte nie Zeit für mich und Freunde habe ich auch keine. Niemand wird mich vermissen, wenn ich weg bin. Wahrscheinlich werden sie es nicht einmal bemerken. Für mich interessiert sich ja doch keiner. Oder sie freuen sich, dass ich, ihr Störensfried, endlich weg bin. Sie hassten mich, ja sie hassten mich. Keiner akzeptierte mich, wie ich war, und nicht einmal meine Mutter liebte mich. Was für eine schreckliche, ungerechte Welt. Und der Herr Lehrer, mit dem stehe ich ja sowieso auf Kriegsfuß. Wenn zwei sich so hassen, dann muss eindeutig einer weg. Und der Klügere gibt ja bekanntlich nach. Zu sterben muss schön sein, der N ist tot und ich weiß genau, wie das abläuft. Wie geht es dem N nun? Ist er im Himmel? Werde ich ihn sehen, wenn ich auch dahin komme? Dann kann ich mich bei ihm entschuldigen! Ich habe keine Angst vor dem Tod! Ich werde sterben!
Lebe wohl, liebes Tagebuch!

                                          

 

Kathrin  (2007)

Gestaltende Interpretation nach dem Roman "Jugend ohne Gott" von Ödön von Horváth

Tagebucheintrag des Schülers B

Ich habe heute den Brief an den Lehrer unterschrieben, in dem steht, dass wir ihn nicht mehr als Lehrer wollen wegen seiner Ansichten gegenüber den Negern. Jetzt fühle ich mich wie ein Feigling! Ich hätte ihnen sagen sollen, was ich von ihnen halte und dass ich das Gleiche über die Neger denke wie der Lehrer. Aber ich hab' mich nicht getraut. Sie hätten mich deswegen verprügelt und gezwungen zu unterschreiben. Jetzt glauben sie, dass ich genauso denke wie sie.
Wieso können die Neger eigentlich keine Menschen sein? Warum ist es so toll, für das  Vaterland zu sterben? Das ist doch alles großer Blödsinn! Manchmal frage ich mich, ob sie alle verrückt sind. Der Lehrer denkt genauso wie ich. Er traut sich zwar nicht, es zu sagen, vor allem nach dem letzten Vorfall, aber ich sehe es an seinem Blick. Die anderen hassen ihn. Aber ich glaube, das tun sie nur, weil sie wie Maschinen sind. Sie machen alles, was man ihnen sagt, ohne auch nur mal einen Moment lang darüber nachzudenken. Mein Vater sagt, sie sind wie Fische. Er sagt auch, dass ich niemals so werden soll  wie sie. "Wir haben nicht umsonst einen gesunden Menschenverstand bekommen!", sagt er immer. Ich bin froh, dass ich solche Eltern habe. Wenn ich mir nur vorstelle, Vater wäre so wie der Vater von N, mir wird ganz übel! Er war es ja auch, der gleich zum Direktor gerannt ist, als er das mit den Negern gehört hat. Wenn der wüsste, wie ich denke, würde er deswegen garantiert auch zum Direktor gehen! Aber die Gedanken sind frei und niemand kann sie erraten! Außer vielleicht der T. Bei dem weiß man nie! Er ist mir ziemlich unheimlich, um ehrlich zu sein, und das nicht nur, weil er immer, einfach IMMER lächelt. Ich glaube, es liegt an seinen Augen. Sie sind hell und glupschig wie Fischaugen. Ein Fisch!? Er sagt, er möchte alles wissen und deshalb beobachtet er immer. Wie durch eine Glasscheibe scheint er alles zu durchschauen. Ich glaube, er weiß auch, wie ich denke. Er hat mich heute die ganze Zeit so komisch angesehen.
In den Osterferien müssen wir in ein Camp gehen, um schießen zu lernen und all das, was man im Krieg können muss. Die anderen freuen sich schon darauf. Sie können es nicht abwarten, endlich in den Krieg zu ziehen und den Feind zu besiegen. Einer sagte mir gestern, er wäre stolz darauf, später einmal auf einem Kriegerdenkmal erwähnt zu werden, als Held sozusagen. Wie kann man nur! Ich meine, was bringt mir die größte Ehre, wenn ich tot bin? Ich will noch nicht so schnell sterben! Ich möchte einmal Arzt werden, um Menschen zu heilen, und nicht in den Krieg ziehen, um sie umzubringen. Und genau das sollen wir ja in diesem fürchterlichen Camp lernen! Es wird garantiert schrecklich. Ich freue mich gar nicht darauf, dort die ganze Zeit herumkommandiert zu werden. Gibt es nicht vielleicht irgendeine Möglichkeit zu schwänzen?
Ich glaube nicht. Da muss ich dann wohl durch.

 

 

 

Fabienne  (2007)

Gestaltende Interpretation  nach der Erzahlung  „Der Tunnel“ von Friedrich Dürrenmatt
aus der Perspektive eines jungen Mannes

Er nahm einen großen Schluck aus seiner Flasche Whiskey und steckte sie zurück in seine ausgefranzte Reisetasche. Das Abteil, in dem er saß, war leer. Das war ihm gerade recht, dem jungen Mann, der dort in der Ecke des kleinen Abteils dritter Klasse kauerte, die Hände um seine ärmliche Reisetasche geklammert. Sein spärliches Hab und Gut, das er besaß. Der junge Mann war 20 Jahre alt und er fuhr diese Strecke jeden Tag. Jeden Tag nach Zürich und wieder zurück. Er hatte keine Aufgabe oder einen bestimmten Grund dort hin zu fahren. Er tat es, um einfach etwas zu tun. Um diese Leere zu verdrängen, die in ihm steckte. Genauso wie er trank, jeden Tag denselben Whiskey, ohne je Freude daran zu finden. Er fuhr Tag ein Tag aus, warf sein Geld für Fahrkarten und Alkohol weg und kümmerte sich nicht darum. Es interessierte ihn nicht, wohin seine Reise ging und wie lange sie dauerte. Zu sehr war er damit beschäftigt, zu trinken und nicht nachzudenken. Über alles, was vorgefallen war. Über sein Leben, dass er nicht lebte, sondern verschleuderte, weil die ewige Schuld in seinem Herzen bohrte. Sie ließ selten nach, weshalb er sich an fast nichts freuen konnte. Der junge Mann vergrub das Gesicht in den Händen. Die Ärmel seines zu kurzen Mantels rutschten hoch. Man konnte jede Ader, jede Narbe auf seinen weißen Armen erkennen. Sie waren lang und knochig. Das schwarze Haar fiel ihm lockig bis über die Ohren. Gerade fuhr der Zug in einen Tunnel. Denselben Tunnel wie vor Tagen, Wochen und Monaten. Der junge Mann zählte sie längst nicht mehr. Was war schon Zeit? Nicht greifbar und doch entsetzlich endlos. Er strich sich die Locken aus der Stirn und nahm einen weiteren Schluck aus seiner Flasche. Der Tunnel war länger als sonst, irgendwie. Er fand kein Ende. Es war stockfinster. Der junge Mann legte seine Hand an die Scheibe. Sie war bläulich im Dunkeln. Vielleicht stellt dieser Tunnel meine Seele dar, überlegte er. So lang und schwarz ist es in mir. Vielleicht hat dieser Tunnel in Wirklichkeit schon geendet und nur mein Gehirn spinnt ihn in mir weiter. Diese Vorstellung faszinierte ihn. Er starrte gebannt auf das sich nicht verändernde Bild vor dem Fenster. Mein Tunnel, schwarz und tief, dachte er und liebte die Dunkelheit, die ihn einschloss, in der er sich auf irgendeine Weise wohl fühlte. Fast, als würde der Tunnel eine Wärme ausstrahlen. Er fror zum ersten Mal seit Monaten nicht. Es waren Helligkeit, Sommer und bunte Farben, die ihn traurig machten. Sie erinnerten ihn an Farben vergangener Jahre, Glück, das er einmal gehabt hatte. Wenn es hell war, hatte er stets das Gefühl, sich verstecken zu müssen. Nur in der Dunkelheit wurde er frei und unerkannt. Das leere Abteil war ruhig und verlassen. Der junge Mann spürte nicht einmal sich als anwesende Person. Er hörte lediglich das Lachen und Schwatzen der Menschen in den anderen Abteilen. Sie bemerkten nicht, dass eine ewige Finsterniss von ihm kam. Wahrscheinlich sahen sie den Tunnel gar nicht. Wahrscheinlich sahen normale Menschen längst wieder Blumen, Bäume und kleine Landhäuser. Als das Licht im Abteil anging, verlor der junge Mann das Interesse am Studieren der anhaltenden Dunkelheit. Er vergrub den Kopf wieder in den Händen und versuchte nicht zu denken. Wenn er die Augen schloss, sah er ihn wieder, den Kerl. Wie er auf dem Boden lag, blutüberströmt. Sein Blick: Flehend un gleichzeitig nichtssagend. Der junge Mann sah sich zutreten. Nicht mehr Herr seiner selbst. Er spürte Blut auf seiner Kleidung und hörte jemand gellend schreien. Er fror... wieder einmal. Wie immer, wenn er sein versautes Leben vor sich hatte und seine Schuld, die die Zeit nicht verändern konnte. Der Zug wackelte seltsam, fast, als könnte er sich nicht mehr in den Gleisen halten. Draußen war alles gewohnt schwarz und von Tunnelwänden gesäumt. Der Zug führ jetzt schneller. Ungebremst stürzte er davon. Wie alles, was man nicht rückgängig machen kann. Der junge Mann war sich sicher, in sein Inneres zu schauen. Auf dieser Strecke gab es keinen Tunnel dieser Länge. Außerdem würde ein normaler Zug nie so schnell fahren. Er war in sich und sah sein Leben vorbeirasen, in ein schwarzes Nichts stürzend. Der junge Mann zwang sich zum letzten Schluck Whiskey. Er schmeckte übel. Ich habe das nicht so gewollt, dachte er verzweifelt, ich wollte nichts von alledem. Keine Schlägerei, keinen Mord. Ich bin kein Mörder! Er wollte diesen Satz schreien und hätte es auch getan, wenn nicht gerade eine Dame mit Hochsteckfrisur in Richtung Toilette gegangen wäre. „Komisch, das mit dem Tunnel, oder?", meinte sie im vorübergehen. „So lange ist er mir noch nie vorgekommen." Der junge Mann dachte fieberhaft nach. Also sah nicht nur er den ewigen Tunnel. Diese Frau sah ihn auch. Was hatte eine wildfremde Dame in seiner Seele zu suchen? Oder war der Tunnel etwa doch real? Was hatte das zu bedeuten? Die Geschwindigkeit der Bahn nahm weiter zu. Ein unheimliches Klappern und Rauschen war von überall zu hören. Jeder Teil des Zuges knirschte und kreischte unter dem hohen Gegendruck der Luft. Die Frau kam vom Gang der Toilette zurück. Sie war kreidebleich. „Wir fallen. Die Leute da vornen sagen das auch. Sie haben versucht, den Zug anzuhalten, aber alle Bremsen sind defekt. Wir stürzen in ein Loch." Der junge Mann starrte die Frau mit seinen großen schwarzen Augen an, ohne eine Gefühlsregung. Das Wort „Loch" gab ihm ein bisschen Wärme. Alles, was seiner geschundenen Seele glich, tat ihm innerlich gut. Fasziniert spürte er die leichte Abwärtsbewegung, die sich langsam aber stetig verstärkte. Wir stürzen in ein Loch.... was kümmerte es ihn? Er war schon abgestürzt. Sein Leben bestand aus Alkohol und zu nichts führenden Zugfahrten. Was hatte er schon zu verlieren? Die Sitze klappten sich nach hinten. Er fiel zurück und ergriff eine Stange der Gepäckablage. Er spürte den Boden vibrieren. Alles wackelte und schüttelte. Er hörte schreien, panische Schreie, Füßegetrampel... dies ist die Rache Gottes für meine Taten, schoss es ihm durch den Kopf und er fing an zu lachen. Es war ein bitteres, selbstanklagendes Lachen, das aus ihm heraussprudelte, während er an der rostigen Eisenstange hing, damit er nicht auf den Gang geschleudert wurde. Dies war die Rache Gottes. Er wurde bestraft. Endlich hatte diese Leere ein Ende. Es erfüllte ihn mit ironischer Freude, wie sich der Zug nach unten neigte... wie seine Reisetasche aus dem gesprungenen Fenster flog., er hörte das Splittern der Flasche im Inneren. Er lachte noch mehr. Dies war seine Strafe und irgendwie genoss er sie. Irgendeine sadistische Seite in ihm freute sich über die Katastrophe. Es war vorbei, endlich war es vorbei. Er durfte sterben. Denn dass er sterben würde, war ihm klar. Aus diesem tiefen Loch kam er nicht mehr lebendig heraus. Und mit ihm auch kein anderer im Zug. Er durfte sterben. Vielleicht hatte er sich das im Unterbewusstsein gewünscht. Einfach nur zu sterben. Ein Windstoß fegte ihm entgegen. Ein Fenster war zerbrochen. Glassplitter spickten sein Gesicht. Der kaputte Mantel riss an den Ärmeln. Der Mann hielt sich nur mit Mühe und betrachtete mit gewaltsam geöffneten Augen das grausame Schauspiel. Eine Frau lag weinend zusammengekrümmt im Gang. Alles war mit Scherben, Gepäckstücken und kaputten Gegenständen üersäht. Ein Mann drückte verängstigt sein kleines, blondgelocktes Mädchen an die Brust. Sie alle würden mit ihm sterben. Sie, die jetzt vor Panik weder ein noch aus wussten. Alle starben. Alle Menschen waren gleich. Dei junge Mann löste die Finger von der Stange. Er wurde vom Sturm aus Glassplitern und Scherben mitgerissen. Er lachte noch immer. Er lachte noch, als er gegen eine Scheibe geworfen wurde und aus dem Zug fiel, der auf sein Verderben zuraste.

 

Svenja

Gestaltende Interpretation nach der Erzählung "Der Tunnel" von Friedrich Dürrenmatt
aus der Perspektive einer jungen Frau:

Es war einer dieser Tage, sonnig und doch traurig. Wieder ein Abschied. Am Bahnhof war er gestanden, hatte Tränen in den Augen. Und sie war eingestiegen, hatte ihm den Rücken gekehrt. Sie hatte das beendet, was doch so wundervoll begonnen hatte. Nun saß sie gedankenverloren in einem Roman versunken auf einer Bank in der 3ten Klasse. Sie spürte einen leichten Luftzug, als ein dicker Mann das Abteil betrat. Er dürfte wohl noch nicht sehr alt sein. Er ließ sich auf einer der Bänke fallen. Sie knarzte unter seinem Gewicht. Wenige Zeit später erreichte der Zug den Tunnel. Es wurde stockfinster. Kein Buchstabe war mehr zu erkennen. Sie seufzte und zündete sich eine Zigarette an. Der Tunnel hatte eine erstaunliche Länge, sodass nach einiger Zeit die Glühbirnen aufleuchteten. Sie widmete sich wieder ihrem Roman, nicht aber ohne vorher noch einmal einen Blick auf den dicken Studenten, wie sie annahm und den noch dickeren Schachspieler zu werfen. Das Licht flackerte. Leute unterhielten sich. Der dicke Student war aufgestanden und lief unruhig hin und her. Ihre Gedanken schweiften ab. Wie hatte er ihr das nur antun können? Tränen füllten ihre Augen. Jetzt, da sie nicht mehr stark und  unverletzbar scheinen musste, ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf. Er hatte sie betrogen. Er hatte es ihr verschwiegen. Von ihrer besten Freundin musste sie es erfahren und er hatte es noch nicht einmal zugegeben. Warum hatte er Tränen in den Augen? Hatte er es vielleicht doch nicht getan? Nein, ihre Freundin würde sie nie belügen. Warum verdammt, musste sie sich in diesen hinterhältigen Mistkerl verlieben? Süßer Mistkerl, musste sie sich insgeheim eingestehen. Sie vermisste ihn. Es schmerzte sie. Natürlich, die Blonde mit den langen Beine war schöner als sie. Sie, die mit den roten, widerspenstigen Haaren und den Sommersprossen um die Nase. Ja, die Blonde hatte Sexappeal. Er hatte ihre Sommersprossen doch immer so niedlich gefunden. Der Schachspieler stieß einen ärgerlichen Laut aus. Sie blickte auf. Er redete über irgendwelche Tunnel und Jahrbücher, noch während er wohl über einen nächsten Schachzug nachdachte. Gerade wieder in ihrem Buch versunken, erschien der Schaffner. Er war blass, nervös und unausgeschlafen. Seine magere Hand griff nach der Fahrkarte des Studenten. Dieser meinte im falschen Zug zu sein und regte dich über den Tunnel auf. Auch sie sah nun aus dem Fenster. Es stimmte. Sie fuhren seit 20 Minuten in einem Tunnel. Sie zuckte die Schultern. Und wenn schon... Der Student stand auf und ging den Gang entlang. Es schien, als hätte er Probleme beim Laufen. Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, der Schaffner weiter gegangen war und der Schachspieler gerade eines seiner Pferde verlor, hatte sie endlich wieder Zeit, ihren Roman weiter zu lesen.  Mittlerweile waren sie schon 30 Minuten oder mehr in dem nicht zu enden scheinenden Tunnel. Sie hörte den Schachspieler fluchen, doch kümmerte sie sich nicht weiter darum. Als er dann aber auf dem Boden krabbelte, hob sie ihren Kopf und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Die Figuren rutschten durch das ganze Abteil. Dem Dicken standen Schweißperlen auf der Stirn. Sein Gesicht glich einer reifen Tomate. Er wuchtete seinen Körper über den Boden. Er tat ihr fast Leid, wie er über den Boden kroch und seine Figuren einsammelte. Ein kleines Kind rannte durch den Waggon seinem Ball nach. Sie war verwirrt. Schien es ihr nur so oder bewegten sich alle losen Kleinteile in die selbe Richtung. Sie schaute abermals aus dem Fenster. Der Zug hatte eine enorme Geschwindigkeit erreicht. Der Student war nirgends mehr zu sehen. Sie bückte sich, hob 2 Figuren auf und reichte sie dem Schachspieler. Der sie dankbar annahm. Der Zug beschleunigte immer mehr. Die Fahrgäste warfen sich besorgte Blicke zu. Jemand riss ein Fenster auf. Das Tosen und Brausen übertönte jedes Gespräch, jeden ängstlichen Aufschrei. Die Koffer rutschten durch den Gang. Sie hielt ihren Roman fest umklammert. Mehrere Männer stemmten sich gegen das Fenster, doch erfolglos. Der starke Luftstrom drückte ein Fenster nach dem anderen ein. Verzweifelte Stimmen waren zu hören. Der Schachspieler schrie: „Tut denn hier niemand etwas? Wieso hält keiner den Zug an?“ Er riss an dem Nothebel, hängte sich mit seinem ganzen Gewicht daran, doch es passierte nichts. Der Zug wurde immer schneller. Sie stand auf, ließ ihren Roman achtlos fallen. Koffer, Regenschirme und Dreck kamen ihr entgegen. Sie kämpfte sich nach hinten durch. Leute hielten sich fest umklammert, Panik in den Augen. Tim...Wie er sie anblickte, die Trauer in seinen Augen? Plötzlich wurde ihr alles klar. Sie griff nach ihrem Handy. Tippte seine Nummer, doch bevor sie auch nur die Chance hatte, es ans Ohr zu drücken, wurde sie nach hinten geschleudert. Das Handy flog in hohem Bogen gegen die Wand „Tim, Tim....“ Sie hätte nie in den Zug steigen dürfen. Leute flogen ihr entgegen. Sie stürzten hinab in einen Abgrund, der tiefer als jede Schlucht war. Die Fahrgäste schrien, klammerten sich fest. Und jede Person hatte das gleiche Gesicht. Seins. Tims. Sie hatte den größten Fehler ihres Lebens getan. Mit diesem Gedanken stürzte sie in die Tiefe. Sie prallte auf. Dunkelheit umgab sie....

 

Kevin (Januar 2007)

Dieser Aufsatz basiert auf der Erzählung „Der Tunnel“ von Friedrich Dürrenmatt.
Er ist aus der Perspektive einer jungen Studentin aus Frankfurt geschrieben. Sie ist hübsch und will mit der Bahn nach Hause fahren.

Es war schon später Nachmittag, als die junge und hübsche Studentin begann, sich von ihrem Schreibtisch neben der großen Standuhr zu erheben, um ihren Koffer zu packen. In einer halben Stunde, um zehn Minuten vor sechs Uhr, würde sie der abendliche Zug nach Zürich bringen. Von dort aus würde sie weiter nach Frankfurt reisen. Sie wollte nach Hause zu ihrer Familie, die sie mit Sicherheit schon voller Sehnsucht erwarteten. Mit gepacktem Handkoffer, locker übergeworfenem Capuchonmantel und wehendem roten Schal verließ sie wenig später die kleine, gemütliche und etwas altmodische Wohnung, betrat das Trottoir und lief ein Stück die Straße hinunter bis sie in eine Nebenstrasse bog und verschwand. Fünf Minuten vor Abfahrt stand sie in der Bahnhofshalle des kleinen Städtchens. Alles schien wie immer. Hier und da saßen Menschen, die die Zeitung oder ein Buch lasen, den Fahrplan prüften oder sich am Kiosk ein Journal kauften. Die Lokomotive stand bereits unter Dampf. Rauchschwaden krochen den Bahnsteig hinauf wie eine neblige Erinnerung, umschloss die Beine von sich verabschiedenden Paaren und Pagen, die die monströsen Koffer von feinen Herrschaften in den Gepäckwaggon zu hieven versuchten. Die Studentin lief den Bahnsteig hinauf, fand schließlich ein noch leeres Abteil zweiter Klasse im dritten Waggon und stieg ein. Obwohl der Zug schon recht voll war, war es in dem Abteil recht ruhig. Lediglich gedämpfte Rufe vom Bahnsteig und vom Gang drangen an ihr Ohr. Sie setzte sich entgegen der Fahrtrichtung in einen der leeren Sitze. Der ausladende Sessel umschloss die junge Dame in ein Meer aus grünem Samt. Die Luft roch nach Heizung und gebeiztem Holz. Auf dem Gang zu ihrer Linken liefen skurrile Persönlichkeiten umher. Mütter mit nörgelnden Kindern, spindeldürre Herren mit Rollkragenpullover und Nickelbrille, eine ältere Dame mit einer Handtasche, so enorm groß und braun wie die Insel Korsika und schließlich jemand, der gleich zwei Brillen benötigte und große Büschel Watte in den Ohren hatte. Mit Nachdruck zog sie die Vorhänge bis auf einen Spalt breit zu und setzte sich wieder. Sie genoss einige Augenblicke lang die Ruhe, bis ein gellender Pfiff draußen auf dem Bahnsteig die Abfahrt des Zuges signalisierte. Langsam und sanft setzte sich der Zug in Bewegung, verließ den Bahnhof und beschleunigte voll aus. Die Gleise leiteten ihn durch die von der Abendsonne beschienene Landschaft zwischen Jura und Alpen, die in der Ferne im Dunst schlummerten. Auf der anderen Seite erhob sich der steile Schweizer Jura, mit seinen Schluchten und Abgründen, als wolle er Unheilvolles voraussagen. Neben dem Zug säumten Kornfelder und Bachläufe den Weg. Die Studentin hatte schon seit geraumer Zeit eine stark demolierte Werbeillustrierte der Bahngesellschaft aus einem Gepäcknetz gefischt und blätterte nun durch die Gazette. Im selben Moment betrat der Schaffner, nervös und mager, so aussehend, als ob ein sauberer Kinnhaken ihm den Rest geben würde, das Abteil und kontrollierte das Billet der jungen Schönheit. Bei dieser Gelegenheit fragte sie auch, wann der Zug denn in Zürich ankommen würde. Der Schaffner antwortete mit dünner und zittriger Stimme, dass sie die Kantonshauptstadt planmäßig um neunzehn Uhr und siebenundzwanzig Minuten erreichen würden. Da noch gut eine viertel Stunde zu fahren war, lehnte sie sich in ihren Sitz und schloss die Augen. Das regelmäßige Rattern und Dröhnen der Räder auf den Schienen beruhigte sie auf eine seltsame Art und Weise. Als sie die Augen wieder öffnete sah sie das sonnendurchflutete und leere Abteil. Nach kaum einem Wimpernschlag jedoch umhüllte völlige Finsternis alles, was es zu sehen gab. Nach einigen, endlos erscheinenden Sekunden ging eine staubige Jugendstillampe an, die an der Decke über dem Fenster befestigt war. Offenbar fuhren sie durch einen Tunnel. Die Studentin sah sich um. Sie entdeckte ihr Spiegelbild im Fenster wieder. Das lange, zu einem eleganten Knoten geformte blonde Haar, die rosigen Wangen, die ungewöhnlich blauen Augen und die kleine Nase. Ihr Gegenüber schaute sie exakt so misstrauisch taxierend an wie die Studentin selbst. Urplötzlich verschwand das Spiegelbild und sie sah nur noch die Granitwand, die kaum eine Elle weit entfernt vom Zug vorbeiraste. Auf einmal war ihr, als ob der Zug nun bergab fuhr, beschleunigte und sie in den Sitz drückte. Immer schneller und schneller raste die Bahn in den dunklen Schweizer Berg hinein. Der mit einem Rubin besetzte Minutenzeiger ihrer Uhr zeigte sechsundzwanzig Minuten nach sechs Uhr. War das möglich? Oder ging ihre Uhr einfach zu schnell? In einer Minute sollten sie Zürich erreichen, die größte Stadt der Schweiz. Der Zug bremste auch nicht. Im Gegenteil. In fast demselben Moment neigte sich der Zug weiter hinab. Die rasante Fahrt mutierte zum freien Fall. Es fiel merklich schwerer sitzen zu bleiben. Im Gang rutschten die Koffer der übrigen Fahrgäste die Abteile entlang. Mit gewaltiger Kraft prallten sie am Ende des Gangs gegen die Wand. Derweil schien der Zug nun noch steiler hinab zu fahren. Die Studentin fiel aus dem Sitz, rutschte auf den Boden und knallte mit dem Kopf gegen die gegenüberliegende Wandseite. Ein hämmernder Schmerz brach sich in ihrem Kopf bahn. Sie schmeckte den schweren Geschmack warmen Blutes. Auf dem Gang fielen Gegenstände umher, ein Kinderwagen stürzte in den Abgrund. Die Studentin richtete sich auf. Der Schmerz in ihrem Kopf war beinahe so unerträglich wie das qualvolle Geschrei eines Kindes oberhalb von ihr. Sie setzte sich auf die Rückenlehne eines Sitzes. Draußen sah sie die Mauern senkrecht an sich vorbeifliegen. Der Fahrtwind rauschte ihr in den Ohren wie ein altes und kaputtes Radio. Ihr Spiegelbild war verzerrt von Rissen in der Scheibe. Doch sie sah sich, jetzt, blutüberströmt und am Rande des beinahe sicheren Endes. Aber auch andere Spiegelbilder sah sie: sie sah sich mit acht Jahren auf der Schaukel im heimatlichen Garten, im zarten Alter von sechzehn Jahren bei ihrem ersten kuss. Sie ließ im Stillen ihr Leben Revue passieren. Sie bemerkte nichts mehr. Sie nahm die Menschen die an der Tür vorbei in den grausamen Tod stürzten, nicht mehr wahr, sah nicht die Mutter, mit dem Kind im einen, mit dem zweiten Arm versuchend sich und ihr Kind festzuhalten und so nicht sterben zu müssen. Mit dem dritten Arm klopfte sie sicherlich schon an die Himmelstür. Das Alles, diese dramatischen und schrecklichen Dinge nahm sie nicht mehr wahr. Während sie immer wejter in das Schwarz der Tiefe hineinfuhren, träumte die Studentin von den schönen Dingen ihres kurzen Lebens und von dem, was noch kommen könnte

Denn: Die Gedanken sind frei. Keiner kann sie erraten. Sie fliehen vorbei, wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen mit Pulver und Blei: Die Gedanken sind frei.

ZItat: Die Gedanken sind frei: Lied (Schweiz vor 1800

 

Kathrin

Gestaltende Interpretation
nach der Erzählung "Der Tunnel" von Friedrich Dürrenmatt
aus der Sicht eines querschnittgelähmten Mädchens

Sie schaute aus dem Zugfenster auf die sonnigen Hügel, die mit Frühlingsblumen übersät waren und stellte sich wieder einmal vor, wie wunderbar es wohl wäre, wenn sie darüberlaufen könnte. Sie würde das Gras an ihren Beinen entlangstreichen spüren und ihrer Mutter einen großen Blumenstrauß pflücken. Laufen. Wie oft hatte sie es sich schon vorgestellt, laufen zu können! Es war ihr größter Wunsch und würde es wohl auch für immer bleiben. Sie war schon die ganzen 14 Jahre ihres Lebens gelähmt und würde es wohl auch für immer bleiben. „Wo bist du denn schon wieder mit deinen Gedanken, Sara?" Ihre Mutter holte sie aus ihren Überlegungen. „Ich werde schon ganz aufgeregt, wenn ich nur an den Arztbesuch später denke. Ich habe wirklich Hoffnungen, dass er diesmal etwas für dich tun kann, glaubst du nicht?" Ihre Mutter lächelte sie aufmunternd an. Sara zwang sich ebenfalls ein Lächeln auf die Lippen und nickte. Sie durfte sich die Hoffnungslosigkeit nur nicht anmerken lassen, das würde ihre Mutter nur traurig machen! In Wirklichkeit hatte sie die Hoffnung einer Heilung schon längst aufgegeben. Wie oft war sie schon mit klopfendem Herzen vor einem Arzt gesessen und hatte auf eine positive Antwort gewartet, die ihr Leben verändern würde, aber immer war sie enttäuscht worden. Um nicht wieder enttäuscht zu werden, machte sie sich jetzt erst gar keine Hoffnungen mehr. Wie zur Bestätigung wurde es plötzlich pechschwarz um sie herum. Erschrocken klammerte sich Sara an ihre Mutter. Sie hatte Angst vor der Dunkelheit. Im Dunkeln erschien ihr alles noch schlimmer und trostloser als am Tag, wenn die Sonne ins Zimmer schien und alles hell und freundlich machte. „Keine Sorge, Sara. Das ist nur ein Tunnel, der sicherlich gleich zu Ende ist!", beruhigte sie ihre Mutter. Sara lehnte sich zurück und versuchte sich zu entspannen. Wenn der Tunnel vorbei war, würde sie ihre Mutter fragen, ob sie das Kartenspiel spielen würden, das sie dabei hatten. Sara spielte gern Karten. Das lag nicht nur daran, dass sie meistens gewann, sondern vor allem daran, dass sie dabei keinerlei Nachteile gegenüber anderen hatte und als gleichwertiger Spieler angesehen wurde. Inzwischen waren schon 5 Minuten vergangen und es war immer noch stockdunkel im Abteil. Sara versuchte aus dem Fenster zu sehen um vielleicht irgendwo einen hellen Punkt zu sehen, der das Ende des schrecklichen Tunnels ankündigte, aber sie konnte nichts erkennen. „Wann wird es endlich wieder hell?" fragte sie ihre Mutter. „Das kann nicht mehr lange dauern, Sara." Mit der gewohnten ruhigen, sanften Stimme, die Sara so liebte. Die Minuten verstrichen. Noch immer befanden sie sich im Tunnel. Plötzlich flammten im Abteil die Deckenlampen auf. Erschrocken kniff Sara die Augen zusammen. War das hell! Aber dann entspannte sie sich wieder. Endlich konnte man wieder etwas sehen! Die Dunkelheit vorher hätte sie fast verrückt gemacht! „Wollen wir das Kartenspiel herausholen, Sara?" fragte ihre Mutter. „Ja,gerne!" Sara fragte sich nun wohl schon zu 100stel mal, wie es ihre Mutter anstellte, immer genau das vorzuschlagen, was sie gerade am liebsten tun würde. Nach 2 gewonnenen Spielen schaute Sara wieder aus dem Zugfenster. Draußen war es immer noch stockdunkel. Schnell wandte sie den Blick wieder zurück zu ihrer Mutter und dem Kartenspiel. Sie wusste selbst nicht warum, aber irgendwie stieg jedes Mal, wenn sie aus dem Fenster in den schwarzen Tunnel schaute, Panik in ihr auf. Wann würde der Tunnel endlich vorbei sein? Ihre Mutter schien wider einmal ihre Gedanken erraten zu haben. „Jetzt sind wir schon über eine Viertel Stunde in diesem Tunnel!", sagte sie „Das muss wirklich ein sehr langer Tunnel sein." Weitere 5 Minuten vergingen. Saras Magen verkrampfte sich immer mehr. Inzwischen hatte sie das Gefühl, der Tunnel hätte sie wie ein bedrohliches schwarzes Ungeheuer einfach verschluckt. So ähnlich hatte sie sich den Tod auch schon immer vorgestellt: Bedrohlich und schwarz. Bei diesem Gedanken griff sie schnell wieder nach der Hand ihrer Mutter und versuchte an etwas anderes zu denken. Sie sollte nicht immer so negativ sein. Dann hörte sie jemanden rufen: „Was ist jetzt los? Der Zug wird ja immer schneller!" Jetzt merkte sie es auch. Von Sekunde zu Sekunde gewann der Zug an Geschwindigkeit. Panik machte sich breit. Sara klammerte sich an ihre Mutter und schaute sie fragend an. Inzwischen merkte man sogar ihr an, dass sie sich fürchtete. Schützend nahm sie ihre Tochter in die Arme. „Es wird schon wieder alles gut, mein Schatz!", sagte sie leise. Aber Sara merkte, dass sie sich dabei nicht sehr sicher war. Inzwischen fühlte es sich fast so an, als würden sie abstürzen. Koffer und Möbel fielen zu Boden und die Leute fingen an zu schreien. Jemand wollte den Zugführer sprechen, aber niemand wusste, wo er steckte. Sara fing an zu weinen und zitterte am ganzen Körper vor Angst. „Jetzt ist alles aus!", dachte sie.

 

Counter / Zähler