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DEUTSCH
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Links zu
Borchert und
Steenfatt |
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Gestaltende Interpretation |
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Vorbemerkung:
Den gestaltenden
Interpretationen war eine gründliche Erarbeitung der Originaltexte
von Friedrich Dürrenmatt und Ödön von Horváth vorausgegangen, wobei sich die
Schüler vor allem mit den Hauptfiguren auseinandergesetzt hatten. Diese
Vorarbeit ermöglichte erst das Verfassen von Briefen, Tagebucheinträgen oder
inneren Monologen.
Was Dürrenmatts "Der
Tunnel" betrifft, so konnten die Schüler, anstatt eine der im Text
erwähnten Personen (Schachspieler, Romanleserin, Engländer, Schaffner,
Zugführer...) zu wählen, auch aus der Sicht neuer Figuren schreiben. Bei
einer Erzählung, in der eine Zugfahrt im Mittelpunkt steht, bietet sich eine
solche Möglichkeit geradezu an: Reisende und Personal stellen hier
ohnehin einen Querschnitt durch die Gesellschaft, ja sogar die gesamte
Menschheit dar! Voraussetzung war selbstverständlich, dass sich die Schüler zu
ihrer neuen Figur einen detaillierten Steckbrief überlegten: biografische
Einzelheiten, familiärer Hintergrund, Persönlichkeitsmerkmale, Interessen,
Neigungen und vor allem auch Anlass und Ziel der Reise. Nur so war es
möglich, die Erzählung
bzw. den inneren Monolog wirklich glaubwürdig zu gestalten.
Eine Bedingung mussten schließlich alle "Interpretationen" erfüllen: Sie
durften den Originaltexten in ihren Grundzügen nicht widersprechen. Stimmigkeit
ist das entscheidende Kriterium! Inwieweit dieses bei den hier vorgelegten
Beispielen erfüllt wurde, möge der Leser selbst beurteilen. Im Unterricht
ging die Klasse in ihren Stellungnahmen ausführlich darauf ein.
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Beispieltexte zu Horvaths "Jugend ohne Gott":
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Evas Tagebucheintrag über ihre Beziehung zu Z
(
Fabienne B. )
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Abschiedsbrief des Schülers T an seine Eltern
(
Anglina H. )
-
Die Ermordung des Schülers N: T beschreibt, wie es
dazu kam ( Markus H.)
-
Die Mutter des Schülers T erzählt (Brigitte
J.)
-
Abschiedsbrief des Schülers T an seine Eltern
(
Nicole M. )
-
Tagebucheintrag des Schülers Z am Tag der Gerichtsverhandlung
( Melanie R. )
-
Tagebucheintrag des Schülers T vor seinem Selbstmord ( Sabine
S. )
-
Tagebucheintrag des Schülers B
(
Kathrin W. )
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Beispieltexte zu Dürrenmatts "Der Tunnel"
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Hauptfigur: junger Mann
( Fabienne )
-
Hauptfigur: junge Frau ( Svenja )
-
Hauptfigur: Studentin
( Kevin )
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Hauptfigur: querschnittgelähmtes Mädchens
( Kathrin )
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Fabienne
(2007)
Gestaltende Interpretation nach dem Roman „Jugend ohne Gott“ von Ödön von
Horváth
Evas Tagebucheintrag über ihre Beziehung zu Z
Liebe, das ist so ein Wort. Keiner kann es mir richtig erklären. Was
Liebe wirklich ist, wie sie sich anfühlt im Körper. Ich weiß nicht, ob ich
je verliebt war. Eigentlich sollte ich es sein, nach allem, was passiert
ist. Aber nein- ich weiß es nicht. Es ist schwierig, zu wissen, was man
wirklich fühlt. Vor zwei Tagen habe ich ihn getroffen, den Jungen. Er
stand allein
auf einem
Hügel inmitten von Gestrüpp und Dickicht. Er war groß und schlank, fast
dünn.
Seine
grüne Soldatenuniform schlenkerte um seine schmalen Beine. Ganz hilflos
blickte er um sich. Er hatte sich verirrt. In diesem Moment wurde mir
klar, dass ich allein war. Es fuhr
durch mich wie ein Stromschlag. Ich war allein, ich war es immer
gewesen. Ich weiß nicht,
irgendwie spiegelte dieser Junge meine Einsamkeit wieder.
Es war ein starkes Gefühl. Ich wollte nicht, dass es wieder verschwand.
Ich wollte auch nicht, dass der damit verbundene
Schmerz aufhörte. Er gab mir das
Gefühl, noch einen Sinn im Leben zu haben. Meine zwei Jungs drängten mich
ungeduldig zum Weitergehen. Wir hatten Diebesgut bei uns und es
war
gefährlich , ewig damit herumzulaufen. Ich wollte nicht weg. Und ich
konnte es den Jungs auch nicht erklären. Wie sollte ich ihnen dieses
Gefühl beschreiben? Ein paar verwirrt
um sich
irrende Augen, gemischt mit einer zu großen Soldatenuniform. Wir sind alle
von
Geburt an
allein. Wir kämpfen, bis wir sterben. Wir suchen ständig nach etwas, was
wir nie
erreichen. Das vollkommene Glück. Aber so etwas kann man Jungs nicht
erklären. Sie
würden
darüber lachen. Also schickte ich sie fort. Ich ging langsam auf ihn zu,
blieb vor ihm stehen. Er hatte ganz helle Augen, blaugrün und riesig. Sie
gefielen mir nicht. Ich mag keine blauen Augen bei Jungs. Sie schauen so
starr, so kalt. Man denkt, man könne jedes
Gefühl darin ablesen, was nicht stimmt. Blaue Augen sind Lügner. Sie
sagen nie die
Wahrheit. Ich schlug ihm vor, ihn zu begleiten, weil er allein ja
bestimmt nicht zurückfinde. Er nickte, sagte jedoch nichts. Er redete
sowieso nicht viel. Schaute mich nur an mit seinen
hellen Augen und ich fühlte mich auf einmal
nicht mehr so einsam zum ersten Mal in meinem Leben. Ich sah das Zeltlager
schon von weitem. Ich blieb stehen. Ich musste gehen.
Ich wollte
ihn küssen. Ich sagte ihm das auch. Nur dürfe er das keinem sagen. Ich
wollte nicht, dass es jemand weiß, weil... ja., keine Ahnung warum. Ich
wollte es einfach nicht. Erst küsste ich ihn auf die Wange, dann auf den
Mund mit Zunge. Das fand er eklig und er
fragte mich, was ich denn mit der Zunge mache. Ich lachte
nur. Er hatte keine Ahnung von
Frauen. Das war mir klar. Ich küsste ihn
wieder. Er stieß mich von sich. Ich nahm einen Stein und warf ihn nach
ihm. Direkt in seine Richtung. Ich wollte ihn treffen, ich wollte, dass er
blutete, weil es mich verletzte, dass er mich abwies. Als wäre das, was
ich tat
abnormal
oder schmutzig. Ich fühlte mich wieder unverstanden und einsam. Der Stein
verfehlte ihn. Hätte er ihn am Kopf getroffen, wäre er jetzt tot. Ich
zitterte leicht, weil es
mich
erschreckte, wie weit ich gegangen war. Es war eine Verbindung da. Eine
harte, unnachgiebige Verbindung zwischen uns. Ich wollte ihm meine
Erregung nicht zeigen. Dieses komische Gefühl, das sich weniger mit Liebe,
als mit dem Verlangen nicht mehr
allein zu
sein, erklären lässt. Er sagte, dass ich gehängt würde. Na und? Ich dachte
an all die Dinge, die ich gestohlen hatte, an all die Menschen, die ich
belegen hatte... gehängt werde
ich sowieso. Und manchmal frage ich mich, weshalb ich noch davonrenne
und mich nicht
von ihnen fangen lasse.
In diesem Moment fragte ich mich das nicht. Er stand so weit weg von mir.
Diese Augen... so kalt, so unberührbar. Und doch wusste ich, ich konnte ihn
zum Weinen bringen. Ich konnte diese Härte in Wasser verwandeln, mit einem
Satz, mit Worten... „Komm her." Er trat vorsichtig näher. Ich packte ihn und
und küsste ihn noch einmal. Hart, herausfordernd, brutal... irgendwie. Es
war schön. Meine Hände in seinen blonden Stoppeln. Meine Zunge in seinem
Mund. Er riss sich los, das Gesicht verzerrt von Wut. Er packte einen Ast
und schlug auf mich ein. „Ich mag das nicht, verdammt! Hast du mich nicht
verstanden?!" Seine Schläge taten nicht weh. Ich bin Härteres gewohnt.
Trotzdem klappte ich zusammen, um zu testen, was er als nächstes tat. Ich
schloss die Augen und spielte tot. Zuerst blickte er erschrocken, dann
erleichtert wie es schien. Aha, doch nicht so kalt wie du tust, dachte ich
bei mir. Er kniete sich hin und schob seine Hände
unter meinen Rock. Ganz nach oben,
immer weiter... ein Schauer lief mir über den Rücken und ich bekam
Gänsehaut. Das war komisch irgendwie und doch schön. Noch immer wollte
ich
ihn weinen sehen und ich wollte nicht, dass er fortging. Er war so
verletzlich wie ich und ich war froh, dass er da war. Er riss den Rock hoch.
Ich hatte nichts drunter aus dem Grund,
weil ich keine Unterwäsche mehr besitze. Meine Gänsehaut blieb. Ein
ungekanntes
Verlangen packte mich mit Haut und Haaren. Ich zerrte ihn auf die Erde
und dann.... ja
dann taten wir etwas, was man eigentlich nur tun sollte, wenn man mit
einem Jungen
wirklich zusammen ist. Es war bei mir das erste Mal. Ich blutete ein
bisschen und es tat auch weh. Aber nicht sehr, nur ein kurzes Ziehen. Sonst
war es ungewohnt, aber schön. Und ich war nicht allein. Ich hätte schreien
können. Ich war ihm so nah. Näher ging nicht mehr.
Ameisen krabbelten mir über die nackten
Beine, Laub und kleine Ästchen stachen durch
mein hochgerutschtes Kleid. Ich spürte
es kaum. Ich spürte nur ihn und hörte seinen gepressten Atem. Ich weiß
nicht, ob es schlecht war. Ob ich jetzt ein verdorbenes Mädchen bin, eine
Hure. Ich bereuhe es nicht. Seine hellen Augen sahen dabei gar nicht mehr so
hart aus. Er will mich wieder sehen. Ich sagte ja, obwohl ich nicht weiß, ob
ich das auch will. Ich liebe ihn nicht. Er ist nur der einzige, der auch
allein ist, der das das verkörpert, was ich bin, der so aussieht, wie ich
mich fühle. Hart und hilflos, dünn und voll Überlebenskraft. Ich möchte es
wieder tun. Vielleicht, weil ich ein verdorbenes Mädchen bin. Dann ist es
okay, verdorben zu sein. Dann macht es mir nichts aus. Ich sehe ihn wieder
und ich weiß noch
nicht einmal
warum. |
Gestaltende
Interpretion nach dem Roman
„Jugend ohne Gott“
von Ödön von Horvàth
Ts Abschiedsbrief an seine Eltern
Mutter, Vater, wenn ihr
diesen Brief liest, gibt es mich nicht mehr! Ich habe mich dazu
entschlossen, meinem Leben ein Ende zu setzten. Denn der Lehrer trieb mich
in den Tod! Der Lehrer weiß es, dass ich den N erschlagen habe. Mit dem
Stein. Es war nicht der Z und auch nicht das Mädchen. Ihr wollt wissen,
wieso ich das getan habe? Das sage ich euch gerne. Ihr seid schuld! Vater,
du warst nie da und Mutter, du hast du hast dich nie um mich gekümmert. Für
alle Leute hattest du Zeit, nur für mich nicht. Weißt du noch damals, als
ich mir mein Bein gebrochen hatte und nach dir rief? Nein, du weißt es
sicher nicht mehr, denn du kamst nicht! Du liest mich einfach dort sitzen,
bis die Putzfrau kam, um mir zu helfen. Du wolltest mich nicht trösten und
du hast es auch nicht getan. Wieso nicht? Mit dieser Frage sterbe ich. Aber
der Tod macht mir nichts aus, denn ich weiß ja, wie das Sterben geht. Ich
wollte es immer sehen, wie einer stirbt und diesen Wunsch habe ich mir beim
N erfüllt. Die Gelegenheit kam, als der N und der Z gestritten hatten und
bei ihnen das Mädchen war. Sie hielt einen Stein in der Hand, faustgroß und
flach war er. Den riss ich ihr aus der Hand und lief dem N nach. Als ich ihn
eingeholt hatte, fragte ich ihn, wieso er denn mit dem Z gestritten hatte.
Er antwortete mir, dass es wegen dem Tagebuch gewesen sei. Er lief wieder
weiter, da schlug ich ihn den Stein von hinten an den Kopf, so stark, wie
ich nur konnte. Er brach auch sofort zusammen und ich schaute ihm beim
Sterben zu. Es dauerte auch gar nicht lange. Er zuckte nur noch einige Male
zusammen und dann war es still. Nun, als es nichts mehr zu sehen gab, packte
ich ihn und schleifte ihn in einen Graben. Mich ergriff jetzt aber Panik und
ich rannte davon, ganz schnell. Dabei verlor ich meinen Kompass, der mich
später verraten sollte. Vielleicht wollt ihr wissen, wieso ich einen
Menschen sterben sehen wollte? Ich weiß es auch nicht! Diese Neugierde
entstand schon, als ich klein war und keiner sich um mich kümmerte. Ich
musste mich alleine beschäftigen, also beobachtete ich. Ich beobachtete
alles und jeden. Die Ameisen, wie sie ihre Beute davon trugen, die Menschen,
die in unserem Haus ein und aus gingen und auch dich, liebe Mutter! Wann
immer ich dich zu Gesicht bekam, beobachtete ich deine Gestik und deine
Körpersprache. Ich konnte daran geradezu deine Gedanken lesen, dass du mich
nicht bei dir haben wolltest. Anfangs empfand ich deshalb Trauer, dann Hass
und irgendwann gar nichts mehr. Ich beobachtete nur noch, ohne etwas zu
fühlen und dann, als ich schon fast alles gesehen hatte, kam mir der
Gedanke, ich müsste einen Menschen sterben sehn. So kam das, Mutter. Du
kannst dir also auch die Schule an meinem und dem Ns Tod geben!
Um noch mal auf den
Kompass zurück zu kommen: Der Lehrer wusste alles. Schon kurze Zeit nach der
Gerichtsverhandlung erfuhr er, dass es mein Kompass war, der beim N gefunden
wurde. Auch sagte ihm jemand, dass ich einen Menschen sterben sehen wollte
und nun war dem Lehrer alles klar. Er lud mich auf ein Eis ein, um mit mir
zu reden, doch ich grinste ihn nur an, wie ich es immer tat und erzählte ihm
nichts. Trotzdem versuchte er weiterhin, mich zu überführen. Er kam sogar zu
uns nach Hause, um mit dir, Mutter, zu reden. Aber du hattest Besuch und
keine Zeit, wie immer. Doch diesmal war es gut, dass du keine Zeit hattest,
sonst hätte der Lehrer dir alles erzählt. So ging ich zu ihm und natürlich
verlief dieses Gespräch auch nicht besser für ihn, weshalb er schon bald
wieder ging. Nun, am nächsten Tag hatte sich der Lehrer Hilfe geholt und ich
sollte überführt werden. Wie genau, das weiß ich nicht. Nur eines war mir
klar geworden: er würde so lange nicht ruhen, bis er mich überführt haben
würde und das gab den Ausschlag! Ich wollte sterben. Lieber bin ich tot, als
dass ich ins Gefängnis gehe. Jetzt endet mein kurzes Leben und ich falle
euch nicht länger zur Last. Lebt wohl! |
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Markus
Die Ermordung des
Schülers N: T beschreibt, wie es dazu kam
Heute haben sich der N
und der Z gerauft. Wegen dem Tagebuch des Z, das soll nämlich der N
erbrochen und gelesen haben, sagt der Z.
Der Z sagt, er bringe
den N noch um. Wird er es machen? Wenn ja, will ich dabei sein, sehen wie er
stirbt. Das wollt ich schon lang mal, sehen wie einer stirbt.
Wenn der Z ihn nicht
umbringt, dann tu ich es, dann werden trotzdem alle glauben, dass es der Z
war.
„Du hast es erbrochen,
ich bring dich um!“ höre ich den Z wieder schreien. Ich schaue den Lehrer
an, er bemerkt nicht, dass ich ihn beobachte, da er in Gedanken ist. Er
starrt auf die Rauferei, dieser Fisch. Das ist eine Sache, die wir gemeinsam
haben: wir beobachten gern. Wie gern würde ich manchmal wissen wollen, was
der Lehrer denkt. Wahrscheinlich hat er das Kästchen erbrochen und überlegt,
was er als nächstes tut.
(ein paar Stunden
später)
Der Z hat den N immer
noch nicht umgebracht. Wird er es heute Nacht tun? Es ist schon dunkel und
die Wachen sind schon aufgestellt. Ich schleiche mich aus dem Zelt heraus;
keiner bemerkt mich. Wenn der Z den N heute Nacht umbringt, will ich dabei
sein. Ich schleiche zwischen den Zelten umher und bin froh, wenn wieder eine
Wolke den Mond bedeckt, denn dieser ist heute Nacht hell und die Schatten
der Zelte sind für mich wie Eisschollen. Auf ihnen bin ich sicher.
Langsam nähere ich mich
dem Z, der soeben den G abgelöst hat. Ich verstecke mich im Wald, damit mich
niemand sieht. Plötzlich ertönt rechts von mir ein leises Knacken. Ich gehe
hin, es ist der Lehrer. Er starrt auf den Z und das Mädchen, die sich gerade
im Mondschein küssen. Was er jetzt bloß denkt?
Ich nähere mich ihm,
der Mond ist bedeckt, alles ist dunkel. Dann spüre ich eine Hand in meinem
Gesicht, die aber sofort wieder zurückweicht. Es ist der Lehrer. Ich
entferne mich wieder und warte, bis alles still ist.
Nun ist es Morgen,
meine Augen werden schwer, doch ich verfolge den Z immer noch. Er geht in
den Wald. Will er zu dem Mädchen? Der N verfolgt ihn, doch der Z bemerkt es
nicht. Er geht auf einen Felsen, das Mädchen sieht ihn auch, den N.
Plötzlich rennt der N
los und wirft den Z zu Boden. Die beiden raufen sich, doch der N ist
stärker. Er wirft den Z die Felsen hinunter. Wutentbrannt rennt das Mädchen
mit einem Stein auf den N zu. Er rennt weg, rennt an mir vorbei, bemerkt
mich aber nicht. Ich beschließe dem Mädchen die Aufgabe abzunehmen. Als sie
an mir vorbeirennt stürze ich mich auf sie und entreiße ihr den Stein. Der N
hat nun einen Vorsprung und ich bin langsamer als er. So werde ich ihn nicht
einholen können. Ich habe eine Idee, ich rufe nach ihm: „N, bleib stehen,
ich bin es, der T, ich tu dir nichts!“ Mein Plan funktioniert, ohne mich
körperlich anstrengen zu müssen, nähere ich mich dem N. „Hey N, komm, wir
müssen ins Lager, es den anderen erzählen.“ Er stimmt mir zu und als er
frägt, was ich hier mache, sage ich: „Ich bin dem Z nachgegangen, weil ich
Angst um dich hatte.“
Er geht voran, ich hebe
den Stein, um ihn zu erschlagen. „Es wird nicht weh tun, ganz schnell gehen,
die anderen werden glauben, es war der Z.“ Mit diesen Gedanken schlage ich
mit voller Wucht auf N’s Hinterkopf. Er schreit nicht auf, fällt sofort zu
Boden.
Ich stehe reglos da,
ich habe es geschafft! Ich hebe meinen Traum erfüllt.
Der N liegt mit offenen
Augen da und bewegt sich nicht. Nun muss ich ihn noch verstecken. Ich
schleife ihn in eine kleine Grube, wo er schwer zu finden sein wird. Stolz
blicke ich ihn noch einmal an.
Da liegt er, wie ein
toter Fisch.
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Brigitte
Die Mutter des
Schülers T erzählt:
„James! Einen
Kräutertee, aber schnell!“ Ich ziehe meine teuren Riemchensandalen aus und
werfe einen Blick in den Spiegel. Meine müden Augen haben einen blassen
Schimmer und das ganze Make-up ist dahin.
Im Bad bereite ich mich
für die Nacht vor, jeden Abend das gleiche Ritual eben. Als ich zur
Haarbürste greife, fällt mir auf, dass etwas nicht stimmt. Auf dem
Toilettentisch liegt ein weißer Briefumschlag. Hat James ihn gerade dahin
gelegt?
„ James! Wo bleibt mein Tee?“ Dieser alte Kerl gehört in den Ruhestand! Ich
nehme den Briefumschlag in die Hand und sehe, dass „Für Mama“ mit der
wackeligen Schrift meines Sohnes daraufsteht. Ich öffne den unverschlossenen
Umschlag und es erscheint ein schlichtes, weißes Blatt. Was da draufsteht?
Zuerst entwickelt sich pure Trauer in meinem Herzen und dann erwacht die
blanke Wut. Wie kann mein einziger Sohn, der Erbe meines Geldes, unserer
Familie, nur so ein Unheil bringen, gerade jetzt, wo ich am Höhepunkt meiner
Karriere stehe?! Ich haste in mein Büro, um dort nachzudenken. Eine Weile
lang laufe ich nur wirr im Zimmer umher, ohne Zeitgefühl, ohne Gefühle und
Gedanken. Ich brauche Ideen, jede Menge Ideen, dass der Ruf meiner Firma
erhalten bleibt. Plötzlich greife ich zum Telefon und wähle die Nummer des
Polizeireviers der Stadt. Die Beamten haben volles Verständnis und machen
sich an die Arbeit. So, das wäre geschafft und dazu habe ich noch ein wenig
Zeit, bis die Polizei hier eintrifft.
Ich binde meine langen,
braunen Haare zu einem festen Dutt zusammen und ziehe meine Lippen nach.
Dann ist es so weit, es klingelt an der Haustür, und bevor ich meinem Diener
befehle, die Türe zu öffnen, zerreiße ich einen Teil des Briefes und
zerknülle den Rest in meiner rechten Hand. Noch schnell greife ich zu der
Erkältungscreme meines Mannes, tupfe sie unter meine Augen und es ist alles
perfekt, wie immer. Mit einem hämischen Lächeln treten die Polizeibeamten in
das Foyer. Sie verkündigen, dass sie meinen Sohn gefunden haben, in einem
Graben vor dem Fichtenwald. Künstlerisch breche ich zusammen, als wäre ich
eine trauernde Witwe. Mir wurde hoch geholfen und ich verlange nach einem
Taschentuch. Wie einfallslos und geschmacklos es von meinem Sohn war, so zu
sterben. An einem morschen Baum erhängt. Kurz darauf trifft der Lehrer ein.
Er wird schon sehen, was ihn erwartet. Ich fange an, ihn zu beschimpfen,
ohne dass er eigentlich weiß, was passiert ist. Die Polizei informiert ihn
über das Geschehen und er ist rechtlich geschockt, die Angst steht in seinen
Augen. Giftig schmeiße ich den Teil des Briefes in sein schmieriges Gesicht:
„ Der Lehrer ist schuld an meinem Tod!“ Diese Worte liest er flüstern und
zitternd vor. Als ich das Wort „Tod“ höre, wird mir plötzlich alles klar.
Mein einziger Sohn, den ich 14 Jahre lang großgezogen und verwöhnt habe, ist
tot! Ich fange an zu grinsen, dann ein Glucksen, bis ich lachend auf dem
Boden liege. Ohne dass ich bemerke, dass mir der restliche Teil des Briefes
aus der Hand fällt, wird mir schwarz vor Augen. Es war vorbei…
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Nicole (2007)
Gestaltende Interpretation nach dem Roman "Jugend
ohne Gott" von Ödön von
Horváth
Ts Abschiedsbrief an seine Eltern
Für Mutter und Vater,
wenn ich euch beide überhaupt meine Eltern nennen kann, denn ihr beide wart
nie für mich da. Ich war immer allein, ohne Familie. Und nun? Es lohnt sich
nicht mehr zu leben. Euch wäre es egal, ob ich leben oder sterben würde.Ihr
hattet immer nur eure Karriere und euren Ruf im Sinn.Du, Vater,lebst nur für
deinen Konzern. Natürlich bist du ein wichtiger Mann, da du einen Konzern
leitest.Jedoch kann ich keinen Respekt vor dir haben. Ich bekam dich fast
nie zu Gesicht. Und du, Mutter. Wie du weißt, hatten wir nie ein gutes
Verhältnis. Du lebtest dein Leben und ich lebte meins. Dein ganzes Leben
bestand darin, schick und elegant aus zusehen. Du pflegst dich lieber, als
dich um mich zu kümmern.Dir wäre es doch recht, wenn ich wie ein
Straßenköter "verrecken" würde. Lieber trinkst du mit deinen Freundinnen
Kaffee, isst Kuchen und tratschst mit ihnen über den neuesten Klatsch, als
einmal meine Probleme anzuhören. Du denkst immer nur an dich. Nur deine
Probleme sind für dich wichtig. Nein, Mutter ich mag dich ncht. Du bist
kaltherzig und gehässig. Wie oft wünschte ich mir eine Familie. Eine
richtige Familie. MIt Sicherheit wundert ihr euch beide nun, während ihr
diesen Brief durchlest, dass ich so empfinde.Klar, ich war immer
zurückgezogen. Ich beobachtete viel lieber, als dass ich handelte oder mit
Leuten sprach. Aber daran seid auch ihr Schuld. So oft belauschte ich meine
Klassenkameraden, wie sie über ihre Familien erzählten. Wie deren Vater beim
Abendessen über seine Kriegserlebnisse berichtete und die Söhne aufmerksam
zuhörten. Solche Kleinigkeiten vermisste ich auch in meinem Leben. Natürlich
hatten wir Geld wie Heu, aber was bringt der ganze materielle Wert, wenn
keine Liebe im Haus herrschte. Darum frage ich euch, war ich etwa daran
Schuld, dass ich so ein trostloses und liebloses Leben hatte? War ich
Schuld, dass wir keine Familie waren, die zusammen hält? War ich Schuld an
eurer verkorksten Ehe? Die ganzen 14 Jahre fand ich keine Antworten auf
diese Fragen. Nächtelang blieb ich wach, beschäftigte mich mit perversen
Bildern, auf denen verkrüppelte Menschen oder Leute mit Wunden abgebildet
waren. Wie runtergekommen muss man sein, um solche Bilder fantastisch zu
finden? Vielleicht bemitleide ich mich nun selbst, aber von meiner Familie
bekam ich nie Mitleid. Unser Butler war besorgter um mich als ihr. Ich will
nicht mehr Leben. Warum schickte mich Gott nur auf diese Welt? Jedoch seid
ihr, meine Eltern, nicht alleine Schuld an meinem Tod. Mitschuld hat auch
der Lehrer. Denn er wusste, dass ich der Mörder war. Dass ich den N
ermordete. Ja ihr lest richtig. Ich war es und sonst kein anderer. Mein
größter Wunsch war es, einmal einen Menschen zu sehen, der langsam stirbt.
Ich wollte die Macht über eine Person haben. Sein Leben lag ganz in meiner
Hand. Ich fand es toll, die letzten Zuckungen von Ns Körper zu beobachten.
Ja, der Lehrer trieb mich in den Tod, da er wusste, dass ich der Mörder war.
Während ich diesen Abschiedsbrief schreibe, wird mir immer klarer , dass ich
mich umbringen muss. Selbstmord ist die einzige Lösung, um meinem Leiden ein
Ende zu setzen. Ich hoffe, dass ich mit diesem Brief euch eure Augen öffnen
konnte. jedoch ist es nun sowieso alles zu spät. Im Grunde brachtet ihr den
N um, da ihr mich die ganzen 14 Jahre ignoriert habt.
Euer T |
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Melanie
Tagebucheintrag des Z am Tag des Gerichtsprozesses
Ich hasse sie. Ich hasse alle. Dieses Luder
liebt mich nicht. Sie sagte, sie hätte mich auch nie geliebt. Pah, was fällt
der eigentlich ein? Eva hat mit mir gespielt, Es war wohl alles nur Show.
Ich habe ihr vertraut und habe mir schon eine
gemeinsame Zukunft
vorgestellt und jetzt? Alles umsonst. Die
Gerichtsgeschichte für die
Katz. Es hatte alles gut angefangen. Alles lief nach Plan. Ich lenkte den
Verdacht genau auf mich, dass der Richter auch nicht auf
die Idee kommen konnte, Eva zu verdächtigen. Dabei wusste ich selbst nicht,
ob
sie die Schuldige war oder nicht. Sie erzählte mir, ein Fremder war es.
Jetzt trau ich ihr aber alles zu. Vielleicht war sie es ja doch. Der Richter
glaubte mir.
Wenn nur dieser Kompass nicht gewesen wäre. Er gehörte dem Mörder und ich
hatte vergessen ihn zu erwähnen. Peinlich. Dann kam auch noch meine Mutter,
dieses hysterische Weib und erzählte, dass ich gar keinen Kompass hätte.
Dies nutzte mein Verteidiger aus. Er hatte seine Sache gut gemacht. Im
Nachhinein bin ich froh darüber, sonst wäre ich vielleicht doch noch
unschuldig im Knast
gelandet. Eva hätte das wohl nichts ausgemacht. Dieses Luder. Kann man so
verlogen sein? Sie spielte mir alles nur vor. Wer weiß, wie viele Liebhaber
sie noch hatte? Sie ekelt mich an. Ich hasse sie. Genauso wie unseren
Lehrer. Bei der Gerichtsverhandlung gestand er plötzlich, dass er mein
Kästchen aufgebrochen hat. Er hatte mein Tagebuch gelesen. Nicht der N.
Hätte ich mir auch denken können. Vielleicht wäre es nie zum Streit zwischen
N und mir
gekommen, wenn er seinen Mund mal etwas früher aufgemacht hätte. Nur
wegen im saß ich überhaupt auf der Anklagebank. Idiot. Vielleicht würde N
noch leben? Er war eigentlich ein ganz netter Kerl. Auf ihn war Verlass.
Jetzt habe ich niemanden mehr, dem ich vertrau. Auf Eva hatte ich alles
gesetzt. Ich hätte alles getan für sie. Ich hatte ihr gesagt, sie sei kein
verdorbenes Mädel. Hatte mich wohl getäuscht. Meine Mutter hatte wohl ein
Stück weit Recht, was Eva angeht. Doch sie ist auch nicht besser. Ich gehe
nicht zu ihr zurück. Ich hasse sie und sie hasst mich. Wegen der ganzen
Geschichten von früher. Ich
hoffe nur, dass mein Verteidiger mich heil aus der Sache herausbringt. Sie
sollen
den wahren Mörder endlich finden. Vielleicht sperren sie ja doch Eva ein,
weil sie den großen Unbekannten nicht finden. Geschieht ihr recht. Ich will
sie nicht
mehr sehen. Was mache ich jetzt nur? Die Schule abbrechen und gleich einen
Beruf lernen? In den Waffenfabriken werden immer Leute gebraucht. So kann
ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen. Später kann ich dann immer noch
Postflieger oder Erfinder werden. Ich lass mich nicht unterkriegen. Nicht
von dir, Eva. Ich werde kämpfen und ich werde es schaffen. Es gibt noch
genug andere Mädchen in dieser Stadt. Eines Tages wirst du es bereuen, dass
du nicht meine Freundin bist.
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Sabine
Tagebucheintrag des T vor seinem Selbstmord
Liebes Tagebuch!
Ich bin
verzweifelt! Ich sehe keinen Ausweg mehr. Der Lehrer weiß, dass ich den N
umgebracht habe. Woher kann er das wissen? Ich habe doch nie etwas gesagt
und mir auch nichts anmerken lassen. Kann er Gedanken lesen? Ich würde so
gerne alles rückgängig und ungeschehen machen. Würde der N doch noch leben!
Dann wäre alles einfacher und der Lehrer würde mich nicht nerven und
verurteilen. Woher konnte er es nur wissen? Er war zu jener Zeit doch im
Lager. Oder spionierte er hinter uns her? Beobachtete er uns noch öfter, als
wir es annahmen? Doch warum beobachtete er uns? Und warum ist er so feig,
mich nicht sofort auf die Tat anzusprechen? Er war so hinterlistig und hat
es so clever angestellt, dass ich mich verplappert habe. Was geschieht nun,
werde ich verurteilt, muss ich gar ins Gefängnis, oder was passiert mit mir?
Ich war so unvorsichtig! Ich bereue alles, was ich getan habe, aber es kann
nicht rückgängig gemacht werden. Aber wenn ich ins Gefängnis kommen sollte,
würde ich nicht langsam vor mich hinsterben? Nein, das will ich nicht.
Besser kurz und schmerzlos! Sterben, tot sein, ja, das ist der einzige
Ausweg. Was bringt mir das Leben? Was bringt mir das Leben überhaupt? Es ist
doch sinnlos ein Kind in die Welt zu setzten und sich dann nie um es zu
kümmern. Meine Mutter hatte nie Zeit für mich und Freunde habe ich auch
keine. Niemand wird mich vermissen, wenn ich weg bin. Wahrscheinlich werden
sie es nicht einmal bemerken. Für mich interessiert sich ja doch keiner.
Oder sie freuen sich, dass ich, ihr Störensfried, endlich weg bin. Sie
hassten mich, ja sie hassten mich. Keiner akzeptierte mich, wie ich war, und
nicht einmal meine Mutter liebte mich. Was für eine schreckliche, ungerechte
Welt. Und der Herr Lehrer, mit dem stehe ich ja sowieso auf Kriegsfuß. Wenn
zwei sich so hassen, dann muss eindeutig einer weg. Und der Klügere gibt ja
bekanntlich nach. Zu sterben muss schön sein, der N ist tot und ich weiß
genau, wie das abläuft. Wie geht es dem N nun? Ist er im Himmel? Werde ich
ihn sehen, wenn ich auch dahin komme? Dann kann ich mich bei ihm
entschuldigen! Ich habe keine Angst vor dem Tod! Ich werde sterben!
Lebe wohl, liebes Tagebuch!
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Kathrin (2007)
Gestaltende Interpretation nach dem Roman "Jugend ohne Gott" von Ödön von
Horváth
Tagebucheintrag des Schülers B
Ich habe heute den Brief an den Lehrer unterschrieben, in dem steht, dass
wir ihn nicht mehr als Lehrer wollen wegen seiner Ansichten gegenüber den
Negern. Jetzt fühle ich mich wie ein Feigling! Ich hätte ihnen sagen sollen,
was ich von ihnen halte und dass ich das Gleiche über die Neger denke wie
der Lehrer. Aber ich hab' mich nicht getraut. Sie hätten mich deswegen
verprügelt und gezwungen zu unterschreiben. Jetzt glauben sie, dass ich
genauso denke wie sie.
Wieso können die Neger eigentlich keine Menschen sein? Warum ist es so toll,
für das Vaterland zu sterben? Das ist doch alles großer Blödsinn!
Manchmal frage ich mich, ob sie alle verrückt sind. Der Lehrer denkt genauso
wie ich. Er traut sich zwar nicht, es zu sagen, vor allem nach dem letzten
Vorfall, aber ich sehe es an seinem Blick. Die anderen hassen ihn. Aber ich
glaube, das tun sie nur, weil sie wie Maschinen sind. Sie machen alles, was
man ihnen sagt, ohne auch nur mal einen Moment lang darüber nachzudenken.
Mein Vater sagt, sie sind wie Fische. Er sagt auch, dass ich niemals so
werden soll wie sie. "Wir haben nicht umsonst einen gesunden
Menschenverstand bekommen!", sagt er immer. Ich bin froh, dass ich solche
Eltern habe. Wenn ich mir nur vorstelle, Vater wäre so wie der Vater von N,
mir wird ganz übel! Er war es ja auch, der gleich zum Direktor gerannt ist,
als er das mit den Negern gehört hat. Wenn der wüsste, wie ich denke, würde
er deswegen garantiert auch zum Direktor gehen! Aber die Gedanken sind frei
und niemand kann sie erraten! Außer vielleicht der T. Bei dem weiß man nie!
Er ist mir ziemlich unheimlich, um ehrlich zu sein, und das nicht nur, weil
er immer, einfach IMMER lächelt. Ich glaube, es liegt an seinen Augen. Sie
sind hell und glupschig wie Fischaugen. Ein Fisch!? Er sagt, er möchte alles
wissen und deshalb beobachtet er immer. Wie durch eine Glasscheibe scheint
er alles zu durchschauen. Ich glaube, er weiß auch, wie ich denke. Er hat
mich heute die ganze Zeit so komisch angesehen.
In den Osterferien müssen wir in ein Camp gehen, um schießen zu lernen und
all das, was man im Krieg können muss. Die anderen freuen sich schon darauf.
Sie können es nicht abwarten, endlich in den Krieg zu ziehen und den Feind
zu besiegen. Einer sagte mir gestern, er wäre stolz darauf, später einmal
auf einem Kriegerdenkmal erwähnt zu werden, als Held sozusagen. Wie kann man
nur! Ich meine, was bringt mir die größte Ehre, wenn ich tot bin? Ich will
noch nicht so schnell sterben! Ich möchte einmal Arzt werden, um Menschen zu
heilen, und nicht in den Krieg ziehen, um sie umzubringen. Und genau das
sollen wir ja in diesem fürchterlichen Camp lernen! Es wird garantiert
schrecklich. Ich freue mich gar nicht darauf, dort die ganze Zeit
herumkommandiert zu werden. Gibt es nicht vielleicht irgendeine Möglichkeit
zu schwänzen?
Ich glaube nicht. Da muss ich dann wohl durch.
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Fabienne
(2007)
Gestaltende Interpretation nach der Erzahlung „Der Tunnel“ von
Friedrich Dürrenmatt
aus der Perspektive eines jungen Mannes
Er nahm einen großen Schluck aus seiner Flasche Whiskey und steckte sie
zurück in seine ausgefranzte Reisetasche. Das Abteil, in dem er saß, war
leer. Das war ihm gerade recht, dem jungen Mann, der dort in der Ecke des
kleinen Abteils dritter Klasse kauerte, die Hände um seine ärmliche
Reisetasche geklammert. Sein spärliches Hab und Gut, das er besaß. Der
junge Mann war 20 Jahre alt und er fuhr diese Strecke jeden Tag. Jeden Tag
nach Zürich und wieder zurück. Er hatte keine Aufgabe oder einen
bestimmten Grund dort hin zu fahren. Er tat es, um einfach etwas zu tun.
Um diese Leere zu verdrängen, die in ihm steckte. Genauso wie er trank,
jeden Tag denselben Whiskey, ohne je Freude daran zu finden. Er fuhr Tag
ein Tag aus, warf sein Geld für Fahrkarten und Alkohol weg und kümmerte
sich nicht darum. Es interessierte ihn nicht, wohin seine Reise ging und
wie lange sie dauerte. Zu sehr war er damit beschäftigt, zu trinken und
nicht nachzudenken. Über alles, was vorgefallen war. Über sein Leben, dass
er nicht lebte, sondern verschleuderte, weil die ewige Schuld in seinem
Herzen bohrte. Sie ließ selten nach, weshalb er sich an fast nichts freuen
konnte. Der junge Mann vergrub das Gesicht in den Händen. Die Ärmel seines
zu kurzen Mantels rutschten hoch. Man konnte jede Ader, jede Narbe auf
seinen weißen Armen erkennen. Sie waren lang und knochig. Das schwarze
Haar fiel ihm lockig bis über die Ohren. Gerade fuhr der
Zug in
einen Tunnel. Denselben Tunnel wie vor Tagen, Wochen und Monaten. Der
junge Mann
zählte sie
längst nicht mehr. Was war schon Zeit? Nicht greifbar und doch entsetzlich
endlos. Er strich sich die Locken aus der Stirn und nahm einen weiteren
Schluck aus seiner Flasche. Der Tunnel war länger als sonst, irgendwie. Er
fand kein Ende. Es war stockfinster. Der junge Mann legte seine Hand an
die Scheibe. Sie war bläulich im Dunkeln. Vielleicht stellt dieser Tunnel
meine Seele dar, überlegte er. So lang und schwarz ist es in mir.
Vielleicht hat dieser Tunnel in Wirklichkeit schon geendet und nur mein
Gehirn spinnt ihn in mir weiter. Diese Vorstellung faszinierte ihn. Er
starrte gebannt auf das sich nicht verändernde Bild vor dem Fenster. Mein
Tunnel, schwarz und tief, dachte er und liebte die Dunkelheit, die ihn
einschloss, in der er sich auf
irgendeine Weise wohl fühlte. Fast, als würde der Tunnel
eine Wärme ausstrahlen. Er fror zum ersten Mal seit Monaten nicht. Es
waren Helligkeit, Sommer und bunte Farben, die ihn traurig machten. Sie
erinnerten ihn an Farben vergangener Jahre, Glück, das er einmal gehabt
hatte. Wenn es hell war, hatte er stets das Gefühl, sich verstecken zu
müssen. Nur in der Dunkelheit wurde er frei und unerkannt. Das leere
Abteil war ruhig und verlassen. Der junge Mann spürte nicht einmal sich
als anwesende Person. Er hörte lediglich das Lachen und Schwatzen der
Menschen in den anderen Abteilen. Sie bemerkten nicht, dass eine ewige
Finsterniss von ihm kam. Wahrscheinlich
sahen sie
den Tunnel gar nicht. Wahrscheinlich sahen normale Menschen längst wieder
Blumen,
Bäume und
kleine Landhäuser. Als das Licht im Abteil anging, verlor der junge Mann
das Interesse am Studieren der anhaltenden Dunkelheit. Er vergrub den Kopf
wieder in den Händen und versuchte nicht zu denken. Wenn er die Augen
schloss, sah er ihn wieder, den Kerl. Wie er auf dem Boden lag,
blutüberströmt. Sein Blick: Flehend un gleichzeitig nichtssagend. Der
junge Mann sah sich zutreten. Nicht mehr Herr seiner selbst. Er spürte
Blut auf seiner Kleidung und hörte jemand gellend schreien. Er fror...
wieder einmal. Wie immer, wenn er sein versautes Leben vor sich hatte und
seine Schuld, die die Zeit nicht verändern konnte. Der Zug wackelte
seltsam, fast, als könnte er sich nicht mehr in den Gleisen halten.
Draußen war alles gewohnt schwarz und von Tunnelwänden gesäumt. Der Zug
führ jetzt schneller. Ungebremst stürzte er davon. Wie alles, was man
nicht rückgängig machen kann. Der junge Mann war sich sicher, in sein
Inneres zu schauen. Auf dieser
Strecke gab es keinen Tunnel dieser Länge. Außerdem würde
ein normaler Zug nie so schnell
fahren. Er war in sich und sah sein Leben
vorbeirasen, in ein schwarzes Nichts stürzend. Der junge Mann zwang sich
zum letzten Schluck Whiskey. Er schmeckte übel. Ich habe das nicht so
gewollt, dachte er verzweifelt, ich wollte nichts von alledem. Keine
Schlägerei, keinen Mord. Ich bin kein Mörder! Er wollte diesen Satz
schreien und hätte es auch getan, wenn nicht gerade eine Dame mit
Hochsteckfrisur in Richtung Toilette gegangen wäre. „Komisch, das mit dem
Tunnel, oder?", meinte sie im vorübergehen. „So lange ist er mir noch nie
vorgekommen." Der junge Mann dachte fieberhaft nach. Also sah nicht nur er
den ewigen Tunnel. Diese Frau sah ihn auch. Was hatte eine wildfremde Dame
in seiner Seele zu suchen? Oder war der Tunnel etwa doch real? Was hatte
das zu bedeuten? Die Geschwindigkeit der Bahn nahm weiter zu. Ein
unheimliches Klappern und Rauschen war von überall zu hören. Jeder Teil
des Zuges knirschte und kreischte unter dem hohen Gegendruck der Luft. Die
Frau kam vom Gang der Toilette zurück. Sie war kreidebleich. „Wir fallen.
Die Leute da vornen sagen das auch. Sie haben versucht, den Zug
anzuhalten, aber alle Bremsen sind defekt. Wir stürzen in ein Loch." Der
junge Mann starrte die Frau mit seinen großen
schwarzen Augen an, ohne eine Gefühlsregung. Das Wort
„Loch" gab ihm ein bisschen Wärme.
Alles, was seiner geschundenen Seele glich,
tat ihm innerlich gut. Fasziniert spürte er die leichte Abwärtsbewegung,
die sich langsam aber stetig verstärkte. Wir stürzen in ein Loch.... was
kümmerte es ihn? Er war schon abgestürzt. Sein Leben bestand aus Alkohol
und zu nichts führenden Zugfahrten. Was hatte er schon zu verlieren? Die
Sitze klappten sich nach hinten. Er fiel zurück und ergriff eine Stange
der Gepäckablage. Er spürte den Boden vibrieren. Alles wackelte und
schüttelte. Er hörte schreien, panische Schreie, Füßegetrampel... dies ist
die Rache Gottes für meine Taten, schoss es ihm durch den Kopf und er fing
an zu lachen. Es war ein bitteres, selbstanklagendes Lachen, das aus ihm
heraussprudelte, während er an der rostigen Eisenstange hing, damit er
nicht auf den Gang geschleudert wurde. Dies war die Rache Gottes. Er wurde
bestraft. Endlich hatte diese Leere ein Ende. Es erfüllte ihn mit
ironischer Freude, wie sich der Zug nach unten neigte... wie seine
Reisetasche aus dem gesprungenen Fenster flog., er hörte das Splittern der
Flasche im Inneren. Er lachte noch mehr. Dies war seine Strafe und
irgendwie genoss er sie. Irgendeine sadistische Seite in ihm freute sich
über die Katastrophe. Es war vorbei, endlich war es vorbei. Er durfte
sterben. Denn dass er sterben würde, war ihm klar. Aus diesem tiefen Loch
kam er nicht mehr lebendig heraus. Und mit ihm auch kein anderer im Zug.
Er durfte sterben. Vielleicht hatte er sich das im Unterbewusstsein
gewünscht. Einfach nur zu sterben. Ein Windstoß fegte ihm entgegen. Ein
Fenster war zerbrochen. Glassplitter spickten sein Gesicht. Der kaputte
Mantel riss an den Ärmeln. Der Mann hielt sich nur mit Mühe und
betrachtete mit gewaltsam
geöffneten Augen das grausame Schauspiel.
Eine Frau lag weinend zusammengekrümmt im Gang.
Alles war mit Scherben, Gepäckstücken
und kaputten Gegenständen üersäht. Ein Mann drückte verängstigt sein
kleines, blondgelocktes Mädchen an die Brust. Sie alle würden mit ihm
sterben. Sie, die jetzt vor Panik weder ein noch aus wussten. Alle
starben. Alle Menschen waren gleich. Dei junge Mann löste die Finger von
der Stange. Er wurde vom Sturm aus Glassplitern und Scherben mitgerissen.
Er lachte noch immer. Er lachte noch, als er gegen eine Scheibe geworfen
wurde und aus dem Zug fiel, der auf sein Verderben zuraste.
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Svenja
Gestaltende Interpretation nach der Erzählung "Der
Tunnel" von Friedrich Dürrenmatt
aus der Perspektive einer jungen Frau:
Es war einer dieser Tage, sonnig und doch traurig.
Wieder ein Abschied. Am Bahnhof war er gestanden, hatte Tränen in den Augen.
Und sie war eingestiegen, hatte ihm den Rücken gekehrt. Sie hatte das
beendet, was doch so wundervoll begonnen hatte. Nun saß sie gedankenverloren
in einem Roman versunken auf einer Bank in der 3ten Klasse. Sie spürte einen
leichten Luftzug, als ein dicker Mann das Abteil betrat. Er dürfte wohl noch
nicht sehr alt sein. Er ließ sich auf einer der Bänke fallen. Sie knarzte
unter seinem Gewicht. Wenige Zeit später erreichte der Zug den Tunnel. Es
wurde stockfinster. Kein Buchstabe war mehr zu erkennen. Sie seufzte und
zündete sich eine Zigarette an. Der Tunnel hatte eine erstaunliche Länge,
sodass nach einiger Zeit die Glühbirnen aufleuchteten. Sie widmete sich
wieder ihrem Roman, nicht aber ohne vorher noch einmal einen Blick auf den
dicken Studenten, wie sie annahm und den noch dickeren Schachspieler zu
werfen. Das Licht flackerte. Leute unterhielten sich. Der dicke Student war
aufgestanden und lief unruhig hin und her. Ihre Gedanken schweiften ab. Wie
hatte er ihr das nur antun können? Tränen füllten ihre Augen. Jetzt, da sie
nicht mehr stark und unverletzbar scheinen musste, ließ sie ihren Gefühlen
freien Lauf. Er hatte sie betrogen. Er hatte es ihr verschwiegen. Von ihrer
besten Freundin musste sie es erfahren und er hatte es noch nicht einmal
zugegeben. Warum hatte er Tränen in den Augen? Hatte er es vielleicht doch
nicht getan? Nein, ihre Freundin würde sie nie belügen. Warum verdammt,
musste sie sich in diesen hinterhältigen Mistkerl verlieben? Süßer Mistkerl,
musste sie sich insgeheim eingestehen. Sie vermisste ihn. Es schmerzte sie.
Natürlich, die Blonde mit den langen Beine war schöner als sie. Sie, die mit
den roten, widerspenstigen Haaren und den Sommersprossen um die Nase. Ja,
die Blonde hatte Sexappeal. Er hatte ihre Sommersprossen doch immer so
niedlich gefunden. Der Schachspieler stieß einen ärgerlichen Laut aus. Sie
blickte auf. Er redete über irgendwelche Tunnel und Jahrbücher, noch während
er wohl über einen nächsten Schachzug nachdachte. Gerade wieder in ihrem
Buch versunken, erschien der Schaffner. Er war blass, nervös und
unausgeschlafen. Seine magere Hand griff nach der Fahrkarte des Studenten.
Dieser meinte im falschen Zug zu sein und regte dich über den Tunnel auf.
Auch sie sah nun aus dem Fenster. Es stimmte. Sie fuhren seit 20 Minuten in
einem Tunnel. Sie zuckte die Schultern. Und wenn schon... Der Student stand
auf und ging den Gang entlang. Es schien, als hätte er Probleme beim Laufen.
Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, der Schaffner weiter gegangen war und
der Schachspieler gerade eines seiner Pferde verlor, hatte sie endlich
wieder Zeit, ihren Roman weiter zu lesen. Mittlerweile waren sie schon 30
Minuten oder mehr in dem nicht zu enden scheinenden Tunnel. Sie hörte den
Schachspieler fluchen, doch kümmerte sie sich nicht weiter darum. Als er
dann aber auf dem Boden krabbelte, hob sie ihren Kopf und konnte sich ein
Grinsen nicht verkneifen. Die Figuren rutschten durch das ganze Abteil. Dem
Dicken standen Schweißperlen auf der Stirn. Sein Gesicht glich einer reifen
Tomate. Er wuchtete seinen Körper über den Boden. Er tat ihr fast Leid, wie
er über den Boden kroch und seine Figuren einsammelte. Ein kleines Kind
rannte durch den Waggon seinem Ball nach. Sie war verwirrt. Schien es ihr
nur so oder bewegten sich alle losen Kleinteile in die selbe Richtung. Sie
schaute abermals aus dem Fenster. Der Zug hatte eine enorme Geschwindigkeit
erreicht. Der Student war nirgends mehr zu sehen. Sie bückte sich, hob 2
Figuren auf und reichte sie dem Schachspieler. Der sie dankbar annahm. Der
Zug beschleunigte immer mehr. Die Fahrgäste warfen sich besorgte Blicke zu.
Jemand riss ein Fenster auf. Das Tosen und Brausen übertönte jedes Gespräch,
jeden ängstlichen Aufschrei. Die Koffer rutschten durch den Gang. Sie hielt
ihren Roman fest umklammert. Mehrere Männer stemmten sich gegen das Fenster,
doch erfolglos. Der starke Luftstrom drückte ein Fenster nach dem anderen
ein. Verzweifelte Stimmen waren zu hören. Der Schachspieler schrie: „Tut
denn hier niemand etwas? Wieso hält keiner den Zug an?“ Er riss an dem
Nothebel, hängte sich mit seinem ganzen Gewicht daran, doch es passierte
nichts. Der Zug wurde immer schneller. Sie stand auf, ließ ihren Roman
achtlos fallen. Koffer, Regenschirme und Dreck kamen ihr entgegen. Sie
kämpfte sich nach hinten durch. Leute hielten sich fest umklammert, Panik in
den Augen. Tim...Wie er sie anblickte, die Trauer in seinen Augen? Plötzlich
wurde ihr alles klar. Sie griff nach ihrem Handy. Tippte seine Nummer, doch
bevor sie auch nur die Chance hatte, es ans Ohr zu drücken, wurde sie nach
hinten geschleudert. Das Handy flog in hohem Bogen gegen die Wand „Tim,
Tim....“ Sie hätte nie in den Zug steigen dürfen. Leute flogen ihr entgegen.
Sie stürzten hinab in einen Abgrund, der tiefer als jede Schlucht war. Die
Fahrgäste schrien, klammerten sich fest. Und jede Person hatte das gleiche
Gesicht. Seins. Tims. Sie hatte den größten Fehler ihres Lebens getan. Mit
diesem Gedanken stürzte sie in die Tiefe. Sie prallte auf. Dunkelheit umgab
sie.... |
Kevin (Januar 2007)
Dieser Aufsatz basiert auf
der Erzählung „Der Tunnel“ von Friedrich Dürrenmatt.
Er ist aus der
Perspektive einer jungen Studentin aus Frankfurt geschrieben. Sie ist
hübsch und will mit der Bahn nach Hause fahren.
Es war schon später
Nachmittag, als die junge und hübsche Studentin begann, sich von ihrem
Schreibtisch neben der großen Standuhr zu erheben, um ihren Koffer zu
packen. In einer halben Stunde, um zehn Minuten vor sechs Uhr, würde sie
der abendliche Zug nach Zürich bringen. Von dort aus würde sie weiter nach
Frankfurt reisen. Sie wollte nach Hause zu ihrer Familie, die sie mit
Sicherheit schon voller Sehnsucht erwarteten. Mit gepacktem Handkoffer,
locker übergeworfenem Capuchonmantel und wehendem roten Schal verließ sie
wenig später die kleine, gemütliche und etwas altmodische Wohnung, betrat
das Trottoir und lief ein Stück die Straße hinunter bis sie in eine
Nebenstrasse bog und verschwand. Fünf Minuten vor Abfahrt stand sie in der
Bahnhofshalle des kleinen Städtchens. Alles schien wie immer. Hier und da
saßen Menschen, die die Zeitung oder ein Buch lasen, den Fahrplan prüften
oder sich am Kiosk ein Journal kauften. Die Lokomotive stand bereits unter
Dampf. Rauchschwaden krochen den Bahnsteig hinauf wie eine neblige
Erinnerung, umschloss die Beine von sich verabschiedenden Paaren und
Pagen, die die monströsen Koffer von feinen Herrschaften in den
Gepäckwaggon zu hieven versuchten. Die Studentin lief den Bahnsteig
hinauf, fand schließlich ein noch leeres Abteil zweiter Klasse im dritten
Waggon und stieg ein. Obwohl der Zug schon recht voll war, war es in dem
Abteil recht ruhig. Lediglich gedämpfte Rufe vom Bahnsteig und vom Gang
drangen an ihr Ohr. Sie setzte sich entgegen der Fahrtrichtung in einen
der leeren Sitze. Der ausladende Sessel umschloss die junge Dame in ein
Meer aus grünem Samt. Die Luft roch nach Heizung und gebeiztem Holz. Auf
dem Gang zu ihrer Linken liefen skurrile Persönlichkeiten umher. Mütter
mit nörgelnden Kindern, spindeldürre Herren mit Rollkragenpullover und
Nickelbrille, eine ältere Dame mit einer Handtasche, so enorm groß und
braun wie die Insel Korsika und schließlich jemand, der gleich zwei
Brillen benötigte und große Büschel Watte in den Ohren hatte. Mit
Nachdruck zog sie die Vorhänge bis auf einen Spalt breit zu und setzte
sich wieder. Sie genoss einige Augenblicke lang die Ruhe, bis ein
gellender Pfiff draußen auf dem Bahnsteig die Abfahrt des Zuges
signalisierte. Langsam und sanft setzte sich der Zug in Bewegung, verließ
den Bahnhof und beschleunigte voll aus. Die Gleise leiteten ihn durch die
von der Abendsonne beschienene Landschaft zwischen Jura und Alpen, die in
der Ferne im Dunst schlummerten. Auf der anderen Seite erhob sich der
steile Schweizer Jura, mit seinen Schluchten und Abgründen, als wolle er
Unheilvolles voraussagen. Neben dem Zug säumten Kornfelder und Bachläufe
den Weg. Die Studentin hatte schon seit geraumer Zeit eine stark
demolierte Werbeillustrierte der Bahngesellschaft aus einem Gepäcknetz
gefischt und blätterte nun durch die Gazette. Im selben Moment betrat der
Schaffner, nervös und mager, so aussehend, als ob ein sauberer Kinnhaken
ihm den Rest geben würde, das Abteil und kontrollierte das Billet der
jungen Schönheit. Bei dieser Gelegenheit fragte sie auch, wann der Zug
denn in Zürich ankommen würde. Der Schaffner antwortete mit dünner und
zittriger Stimme, dass sie die Kantonshauptstadt planmäßig um neunzehn Uhr
und siebenundzwanzig Minuten erreichen würden. Da noch gut eine viertel
Stunde zu fahren war, lehnte sie sich in ihren Sitz und schloss die Augen.
Das regelmäßige Rattern und Dröhnen der Räder auf den Schienen beruhigte
sie auf eine seltsame Art und Weise. Als sie die Augen wieder öffnete sah
sie das sonnendurchflutete und leere Abteil. Nach kaum einem Wimpernschlag
jedoch umhüllte völlige Finsternis alles, was es zu sehen gab. Nach
einigen, endlos erscheinenden Sekunden ging eine staubige Jugendstillampe
an, die an der Decke über dem Fenster befestigt war. Offenbar fuhren sie
durch einen Tunnel. Die Studentin sah sich um. Sie entdeckte ihr
Spiegelbild im Fenster wieder. Das lange, zu einem eleganten Knoten
geformte blonde Haar, die rosigen Wangen, die ungewöhnlich blauen Augen
und die kleine Nase. Ihr Gegenüber schaute sie exakt so misstrauisch
taxierend an wie die Studentin selbst. Urplötzlich verschwand das
Spiegelbild und sie sah nur noch die Granitwand, die kaum eine Elle weit
entfernt vom Zug vorbeiraste. Auf einmal war ihr, als ob der Zug nun
bergab fuhr, beschleunigte und sie in den Sitz drückte. Immer schneller
und schneller raste die Bahn in den
dunklen Schweizer Berg hinein. Der mit einem
Rubin besetzte Minutenzeiger ihrer Uhr zeigte sechsundzwanzig Minuten nach
sechs Uhr. War das möglich?
Oder ging ihre Uhr einfach zu schnell? In einer Minute sollten sie Zürich
erreichen, die größte Stadt der Schweiz. Der Zug bremste auch nicht. Im
Gegenteil. In fast demselben Moment neigte sich der Zug weiter hinab. Die
rasante Fahrt mutierte zum freien Fall. Es fiel merklich schwerer sitzen
zu bleiben. Im Gang rutschten die Koffer der übrigen Fahrgäste die Abteile
entlang. Mit gewaltiger Kraft prallten sie am Ende des Gangs gegen die
Wand. Derweil schien der Zug nun noch steiler hinab zu fahren. Die
Studentin fiel aus dem Sitz, rutschte auf den Boden und knallte mit dem
Kopf gegen die gegenüberliegende Wandseite. Ein hämmernder Schmerz brach
sich in ihrem Kopf bahn. Sie schmeckte den schweren Geschmack warmen
Blutes. Auf dem Gang fielen Gegenstände umher, ein Kinderwagen stürzte in
den Abgrund. Die Studentin richtete sich auf. Der Schmerz in ihrem Kopf
war beinahe so unerträglich wie das qualvolle Geschrei eines Kindes
oberhalb von ihr. Sie setzte sich auf die Rückenlehne eines Sitzes.
Draußen sah sie die Mauern senkrecht an sich vorbeifliegen. Der Fahrtwind
rauschte ihr in den Ohren wie ein altes und kaputtes Radio. Ihr
Spiegelbild war verzerrt von Rissen in der Scheibe. Doch sie sah sich,
jetzt, blutüberströmt und am Rande des beinahe sicheren Endes. Aber auch
andere Spiegelbilder sah sie: sie sah sich mit acht Jahren auf der
Schaukel im heimatlichen Garten, im zarten Alter von sechzehn Jahren bei
ihrem ersten kuss. Sie ließ
im Stillen ihr Leben Revue passieren. Sie bemerkte nichts mehr. Sie nahm
die Menschen die an der Tür vorbei in den grausamen Tod stürzten, nicht
mehr wahr, sah nicht die Mutter, mit dem Kind im einen, mit dem zweiten
Arm versuchend sich und ihr Kind festzuhalten und so nicht sterben zu
müssen. Mit dem dritten Arm klopfte sie sicherlich schon an die
Himmelstür. Das Alles, diese dramatischen und schrecklichen Dinge nahm sie
nicht mehr wahr. Während sie immer wejter in das Schwarz der Tiefe
hineinfuhren, träumte die Studentin von den schönen Dingen ihres kurzen
Lebens und von dem, was noch kommen könnte
Denn: Die Gedanken sind
frei. Keiner kann sie erraten. Sie fliehen vorbei, wie nächtliche
Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen mit Pulver
und Blei: Die Gedanken sind frei
ZItat:
Die Gedanken sind frei: Lied
(Schweiz vor 1800
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Kathrin
Gestaltende
Interpretation
nach der Erzählung "Der Tunnel"
von Friedrich Dürrenmatt
aus der
Sicht eines querschnittgelähmten Mädchens
Sie schaute aus dem
Zugfenster auf die sonnigen Hügel, die mit Frühlingsblumen übersät waren
und stellte sich wieder einmal vor, wie wunderbar es wohl wäre, wenn sie
darüberlaufen könnte. Sie würde das Gras an ihren Beinen entlangstreichen
spüren und ihrer Mutter einen großen Blumenstrauß pflücken. Laufen. Wie
oft hatte sie es sich schon vorgestellt, laufen zu können! Es war ihr
größter Wunsch und würde es wohl auch für immer bleiben. Sie war schon die
ganzen 14 Jahre ihres Lebens gelähmt und würde es wohl auch für immer
bleiben. „Wo bist du denn schon wieder mit deinen Gedanken, Sara?" Ihre
Mutter holte sie aus ihren Überlegungen. „Ich werde schon ganz aufgeregt,
wenn ich nur an den Arztbesuch später denke. Ich habe wirklich Hoffnungen,
dass er diesmal etwas für dich tun kann, glaubst du nicht?" Ihre Mutter
lächelte sie aufmunternd an. Sara zwang sich ebenfalls ein Lächeln auf die
Lippen und nickte. Sie durfte sich die Hoffnungslosigkeit nur nicht
anmerken lassen, das würde ihre Mutter nur traurig machen! In Wirklichkeit
hatte sie die Hoffnung einer Heilung schon längst aufgegeben. Wie oft war
sie schon mit klopfendem Herzen vor einem Arzt gesessen und hatte auf eine
positive Antwort gewartet, die ihr
Leben verändern würde, aber immer war sie enttäuscht worden. Um nicht
wieder enttäuscht zu werden, machte sie sich jetzt erst gar keine
Hoffnungen mehr. Wie zur Bestätigung wurde es plötzlich pechschwarz um sie
herum. Erschrocken klammerte sich Sara an ihre Mutter. Sie
hatte Angst vor der
Dunkelheit. Im Dunkeln erschien ihr alles noch schlimmer und trostloser
als am Tag, wenn die Sonne ins Zimmer schien und alles hell und freundlich
machte. „Keine Sorge, Sara. Das ist nur ein Tunnel, der sicherlich gleich
zu Ende ist!", beruhigte sie ihre Mutter. Sara lehnte sich zurück und
versuchte sich zu entspannen. Wenn der Tunnel vorbei war, würde sie ihre
Mutter fragen, ob sie das Kartenspiel spielen würden, das sie dabei
hatten. Sara spielte gern Karten. Das lag nicht nur daran, dass sie
meistens gewann, sondern vor allem daran, dass sie dabei keinerlei
Nachteile gegenüber anderen hatte und als gleichwertiger Spieler angesehen
wurde. Inzwischen waren schon 5 Minuten vergangen und es war immer noch
stockdunkel im Abteil. Sara versuchte aus dem Fenster zu sehen um
vielleicht irgendwo einen hellen Punkt zu sehen, der das Ende des
schrecklichen Tunnels ankündigte, aber sie konnte nichts erkennen. „Wann
wird es endlich wieder hell?" fragte sie
ihre Mutter. „Das
kann nicht mehr lange dauern, Sara." Mit der gewohnten ruhigen, sanften
Stimme, die Sara so liebte. Die Minuten verstrichen. Noch immer befanden
sie sich im Tunnel. Plötzlich flammten im Abteil die Deckenlampen auf.
Erschrocken kniff Sara die Augen zusammen. War das hell! Aber dann
entspannte sie sich wieder. Endlich konnte man wieder etwas sehen! Die
Dunkelheit vorher hätte sie fast verrückt gemacht! „Wollen wir das
Kartenspiel herausholen, Sara?" fragte ihre Mutter. „Ja,gerne!" Sara
fragte sich nun wohl schon zu 100stel mal, wie es ihre Mutter anstellte,
immer genau das vorzuschlagen, was sie gerade am liebsten tun würde. Nach
2 gewonnenen Spielen schaute Sara wieder aus dem Zugfenster. Draußen war
es immer noch stockdunkel. Schnell wandte sie den Blick wieder zurück zu
ihrer Mutter und dem Kartenspiel. Sie wusste selbst nicht warum, aber
irgendwie stieg jedes Mal, wenn sie aus dem Fenster in den schwarzen
Tunnel schaute, Panik in ihr auf. Wann würde der Tunnel endlich vorbei
sein? Ihre Mutter schien wider einmal ihre Gedanken erraten zu haben.
„Jetzt sind wir schon über eine Viertel Stunde in diesem Tunnel!", sagte
sie „Das muss wirklich ein sehr langer Tunnel sein." Weitere 5 Minuten
vergingen. Saras Magen verkrampfte sich immer mehr. Inzwischen hatte sie
das Gefühl, der Tunnel hätte sie wie ein bedrohliches schwarzes Ungeheuer
einfach verschluckt. So ähnlich hatte sie sich den Tod auch schon immer
vorgestellt: Bedrohlich und schwarz. Bei diesem Gedanken griff sie schnell
wieder nach der Hand ihrer Mutter und versuchte an etwas anderes zu
denken. Sie sollte nicht immer so negativ sein. Dann hörte sie jemanden
rufen: „Was ist jetzt los? Der Zug wird ja immer schneller!" Jetzt merkte
sie es auch. Von Sekunde zu Sekunde gewann der Zug an Geschwindigkeit.
Panik machte sich breit. Sara klammerte sich an ihre Mutter und schaute
sie fragend an. Inzwischen merkte man sogar ihr an, dass sie sich
fürchtete. Schützend nahm sie ihre Tochter in die Arme. „Es wird schon
wieder alles gut, mein Schatz!", sagte sie leise. Aber Sara merkte, dass
sie sich dabei nicht sehr sicher war. Inzwischen fühlte es sich fast so
an, als würden sie abstürzen. Koffer und Möbel fielen zu Boden und die
Leute fingen an zu
schreien. Jemand wollte den Zugführer sprechen, aber niemand wusste,
wo er steckte. Sara
fing an zu weinen und zitterte am ganzen Körper vor Angst. „Jetzt ist
alles aus!", dachte sie. |
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