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Erster Teil: Der Lead-Stil Als einer der ergiebigsten Unterrichtseinheiten erwies sich in all den Jahren das Thema "Presse" ab Klassenstufe 8 . Die meisten Schüler lesen nicht allzu gerne die Tageszeitung, aber je nach dem, welche Aspekte der Lehrer dabei herausgreift, kann er sehr wohl das Interesse der Schüler und ihre Bereitschaft, in diesem Bereich kreativ tätig zu werden, wecken. Es erstaunt die Schüler, wenn sie im ersten Teil der Einheit entdecken, dass Zeitungsberichte in ihrem Aufbau nicht dem von Schulaufsätzen her gewohnten Steigerungsprinzip entsprechen, sondern genau umgekehrt verfahren: das Wichtigste zuerst in den Schlagzeilen, den Untertiteln und im Vorspann; die Hintergründe und näheren Einzelheiten im Haupttext (Body). Dass diese Form die Leser anspricht und ihren Bedürfnissen (rasche Information/schneller Überblick/bei Interesse und Zeit genaueres Studium der Einzelheiten) entgegenkommt, leuchtet den Schülern natürlich sofort ein. Ergänzend kann man darauf hinweisen, dass die Erstfassungen der Texte meist länger ausfallen und bequem von hinten, wo ja die unwesentlichen Dinge stehen, gekürzt ("weggeschnitten") werden können, wenn der Platz an der vorgesehenen Stelle in der Zeitung nicht ausreicht. In einem kleinen historischen Exkurs kann der/die Lehrer/in auf die Tatsache eingehen, dass diese Form der Berichterstattung im amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) entwickelt wurde: Wegen häufig defekter Telegrafenleitungen war die Nachrichtenübermittlung eine recht unsichere Angelegenheit, sodass die Reporter dazu übergehen mussten, gleich zu Beginn des Berichts die entscheidenden Ereignisse und Fakten im Zusammenhang mit dem Frontgeschehen knapp zusammenzufassen. Im zweiten Teil folgte schließlich die ausführliche "Story". Diesem eher theoretischen Teil sollten sich nun Übungen
anschließen, in welchen die gewonnenen Erkenntnisse angewandt und gefestigt
werden: Als Ausgangspunkt hierfür bieten sich z. B. literarische Erzählungen an,
die nach den bisher erarbeiteten Prinzipien des Presseberichts
(Schlagzeilen/Untertitel - Vorspann - Haupttext) umgeformt werden. Geeignete
Kurzgeschichten wären
Aber auch die Tageszeitung selbst liefert oft "unbearbeitetes" Material in Form von kurzen Notizen meist über kuriose oder ungewöhnliche Ereignisse, die sich sehr schön zu strukturierten Presseberichten ausgestalten lassen. Selbstverständlich kann die Textvorlage je nach Bedarf durch weitere Fakten und Details angereichert werden. Hier nun einige typische Überschriften von Pressenotizen, wie man sie täglich in der Zeitung finden kann:
Schließlich können Höhepunkte des schulischen Lebens (besondere Veranstaltungen, Schullandheim, Projekttage u.s.w.) für Übungen im Rahmen einer Klassenzeitung herangezogen werden. Man sollte es den Schülern auf jeden Fall ermöglichen, ihrem Text am PC einen "professionellen" Anstrich durch ein entsprechendes Layout und geeignetes Bildmaterial zu geben. Die Redaktionen der Lokalblätter sind übrigens sehr dankbar für Beiträge aus der älteren Schülerschaft. Der/die Lehrer/in sollte deshalb besonders begabte Schüler dazu ermutigen, sich um die Stelle eines "freien Mitarbeiters" bei der Lokalzeitung zu bewerben. Natürlich empfiehlt es sich auch im Laufe der Einheit, den/die Leiter/in der Lokalredaktion in den Unterricht einzuladen. Je genauer diese kleine Veranstaltung vorbereitet wird, desto mehr Anregungen und Tipps werden die Schüler für ihre eigene Arbeit erhalten. Zweiter Teil: Regionale Tageszeitung und BILD im Vergleich Sehr reizvoll und aufschlussreich ist ein Vergleich von Texten aus regionalen Zeitungen und der BILD-Zeitung vom gleichen Tag. Seit Jahren verwende ich hierzu als Einstieg die Berichte über die Böblinger Kindesentführung im Mai 1979 (Anhang 1) . Die inhaltliche Gliederung ergibt , dass sich die Berichte der regionalen Tageszeitungen streng an das Prinzip des oben dargestellten Lead-Stils halten, wobei auf emotionale Färbung, persönliche Meinungen oder gar Spekulationen völlig verzichtet wird. Genau das Gegenteil ist bei BILD der Fall (Anhang 1): Die bunte Mischung aus Fakten-Splittern, rührseligen Einzelheiten ("Hand in Hand... in den Wald... hinterm Elternhaus" - übrigens eine deutliche Anspielung an das Märchen "Hänsel und Gretel"!), Elementen der Reportage, wörtlicher Rede , Altersangaben , Photos der entführten Kinder und aus eingestreuten Spekulationen nach dem Steigerungsprinzip (VERIRRT, VERUNGLÜCKT? - ENTFÜHRT ERMORDET? - Saß im BMW ein Mörder?) stellt einen einzigen Appell an die Emotionen der Leser dar ( Stichwort: Human Interest Story!). Für die Untersuchung und Auswertung dieses Texts erhalten die Schüler ein Arbeitsblatt (Anhang 2), das folgende Kriterien enthält:
Ein späterer Vergleich mit aktuellsten Texten belegt, dass sich seitdem in dieser Hinsicht an der Berichterstattung kaum etwas geändert hat. Die Schüler erhalten nun die Möglichkeit, den BILD-Stil einmal selbst am Computer auszuprobieren. Kurze Berichte aus der Tageszeitung werden "nach allen Regeln der Kunst" ausgestaltet: Text, Layout, Grafiken und Fotos münden meist in eine bissige Satire auf dieses oder ähnliche Boulevardblätter. Die kurzen Textvorlagen stammen meist aus den Regionalzeitungen und tragen typische Überschriften, wie z. B. :
Wertvolle Anregungen für die Gestaltung derartiger Texte erhalten die Schüler vor allem auch aus Hans-Schulte Willekes Buch "Schlagzeile/Ein BILD-Reporter berichtet" ( Rowohlt 1978). Empfehlenswert sind darin besonders folgende Kapitel:
Schulte-Willekes' Beobachtungen im Kapitel "Das Erfolgsrezept der BILD-Zeitung" lassen sich sehr gut anhand aktueller Exemplare im Rahmen einer Unterrichtsstunde (Gruppenarbeit) überprüfen. Welch unterschiedliche Stillagen ein Reporter beherrschen muss, um bestimmte Wirkungen zu erzielen, demonstriert Schulte-Willekes am Ende dieses Kapitels (S. 21):
Hier (S. 22) folgen eindrucksvolle "Stilproben zu einer ausgedachten Geschichte". Die Schüler erhalten jetzt die Gelegenheit, selbst erfundene Geschichten in den verschiedenen Stillagen zu formulieren. In der sich daran anschließenden Vorleserunde (Stuhlkreis) lassen die "Autoren" ihre Mitschüler raten, welcher Kategorie ihr Text wohl zuzuordnen wäre. Sie können damit testen, ob ihr Stilexperiment gelang. Wo der Versuch scheiterte, stellen die von den Mitschülern vorgetragenen Begründungen eine gute Übung in der Analyse sprachlicher Mittel dar. Dritter Teil: Günter Wallraff und sein Buch "Der Aufmacher" Ein Höhepunkt der Einheit ist sicher die Beschäftigung mit Günter Wallraffs Buch "Der Aufmacher/Der Mann der bei BILD Hans Esser war" (Kiepenheuer&Witsch 1977). In einer kleinen Einführung informiere ich meine Schüler zunächst über diesen ungewöhnlichen Schriftsteller:
Statt des Lehrervortrags oder in Ergänzung dazu halten Schüler Kurzreferate zu ausgewählten Reportagen, sodass sich die Klasse ein recht umfassendes Bild von Wallraffs Arbeit machen kann. Im Mittelpunkt der weiteren Stunden stehen einige in seinem Buch "Der Aufmacher" abgedruckte BILD-Reportagen. Wie sehr die Wahrheit dabei gelegentlich entstellt wurde, illustriert beispielhaft der BILD-Text (S. 57) "Stocksauer und enttäuscht - Urlauber die aus der Kälte kamen". Obwohl die genannten Urlauber nachweislich schönstes Wetter auf Mallorca erlebt hatten, versteht es der Verfasser mithilfe inhaltlicher und sprachlicher Tricks, den Leser vom genauen Gegenteil zu überzeugen. Folgende Liste haben Schüler in ihrer Auswertung des Textes spontan zusammengestellt:
Im Anschluss an diese Analyse diskutieren die Schüler über die Folgen einer solchen Berichterstattung, wobei neben den materiellen Schäden v. a. auch der Aspekt des Rufmords zur Sprache kommt: In diesem Fall war der damals bekannte Marathon-Läufer Willi Wetzel davon betroffen, dem BILD unterstellte, wegen Regen und Kälte den Nightclub aufgesucht zu haben. Wie weit Journalisten in ihrem Zynismus und menschenverachtenden Verhalten gehen können, zeigt der Text "Was geht uns das an?" (S. 212) Hier ein Auszug:
Vor allem dieser Textauszug hinterlässt bei den Schülern tiefe Betroffenheit. Der Aufgabe, sich in Form eines Kommentars oder Leserbriefs schriftlich mit diesem Text auseinanderzusetzen, kommen sie in diesem Fall besonders bereitwillig nach.
Als Ergänzung zu dieser Einheit bietet sich natürlich die Lektüre von Bölls Roman "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" an. Eine abschließende Diskussion über die Grenzen der Pressefreiheit darf auf keinen Fall fehlen, wobei gerade auch aktuelle Beispiele berücksichtigt werden sollten. Abschließende Bemerkung: Bei einem solch umfangreichen Thema , wie es die Presse darstellt, muss man sich notgedrungen auf Schwerpunkte beschränken. Das Medium "Zeitung" weist eine große Vielfalt von Textformen auf (Kommentar, Reportage, Kritik/Rezension, Glosse u.s.w.), die in meiner Einheit nur am Rande angesprochen werden. Viele Kollegen und Kolleginnen werden selbstverständlich andere Akzente setzen. Entscheidende Anregungen für diese Einheit erhielt ich aus dem Lesebuch "Lesen Darstellen Begreifen A9" Hirschgraben 1985. 1) BILD, 25. 5. 79
Südkurier, 26, 5. 1979
2) Arbeitsblatt: BILD-Zeitung - Informationsgehalt (25. 5.
1979)
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