Vom Rollenspiel zum Theaterstück
Inhalt:
Puppenspiele
Eulenspiegelgeschichten
Fabel
Ballade
Sketche
Theaterstück
(Hans Joachim Schädlich:
Der Sprachabschneider)
Puppenspiele entwerfen und
inszenieren
Die Klasse teilt sich in Gruppen auf; jedes Gruppenmitglied bringt
zur nächsten Stunde eine oder mehrere Puppen mit. Nun entwickeln die
Gruppenmitglieder gemeinsam anhand ausgewählter Puppen ein Geschichte, die in
den folgenden Stunden mit oder ohne Erzähler dialogisiert wird. Im
Anschluss daran beginnen die Proben für die Aufführung.
Neue Eulenspiegelgeschichten
Zum Beispiel Eulenspiegel in unserer Zeit! Zum Verfahren:
Die Schüler überlegen sich zunächst in Partnerarbeit Situationen, in denen
Till seine Überlegenheit ausspielen kann. Das schelmische Wesen dieser
Figur, die mit ihrem Schabernack Mitmenschen einen Spiegel vorhält und ihre
Schwächen entlarvt, sollte dabei deutlich zum Ausdruck kommen. Die Ideen werden
an der Tafel gesammelt und eventuell im Plenum diskutiert.
Daran schließt sich die Gruppenarbeit an: Jede Gruppe entscheidet sich für eine
der vorgeschlagenen
Situationen (s. Tafelanschrieb) und gestaltet hierzu ein Rollenspiel.
In diesem Zusammenhang müssen natürlich einige Vorarbeiten geleistet werden:
Welche Figuren sollen vorkommen? Welche Charakterzüge kennzeichnen sie? Wie sieht
der Handlungsablauf aus? Erst wenn diese Fragen geklärt sind, kann mit der
Dialogisierung selbst begonnen werden. Nach Fertigstellung der Rollenspiele empfiehlt
es sich, die Proben während der Unterrichtszeit, und
zwar in einem großen Raum ( Aula, Mehrzweckhalle, Pausenhalle...), abzuhalten,
wo sich die einzelnen Gruppen in ihre Ecken zurückziehen und ungestört spielen
können. Nach zwei bis drei Stunden führen die Schüler ihre selbst inszenierten
Stücke vor. Jede Gruppe baut hierfür ihre eigene kleine "Bühne" aus Tischen,
Stühlen, Bänken und anderen, oft selbst gebastelten Requisiten auf. Man sollte
die Kinder vor allem auch dazu ermutigen, sich zu kostümieren. Das steigert
enorm die Freude am Spiel! Das Publikum (Gruppen, die nicht gerade spielen)
wandert zu den einzelnen Vorführungen von Bühne zu Bühne: wieder ein kleiner
Beitrag zur bewegten Schule!
Falls für die Proben kein größerer Raum zur Verfügung stehen
sollte, kann man einige Gruppen auch auf leer stehende Klassenzimmer
verteilen; diese sollten allerdings nicht allzu weit voneinander entfernt
sein.
Dialogisierung einer vorgegebenen Eulenspiegelgeschichte
Selbstverständlich können die Schüler auch von einem
vorgegebenen Schwank ausgehen, den sie in Partner- oder Gruppenarbeit in ein
Rollenspiel umwandeln. Im
Anhang 1
finden Sie hierzu ein komplettes Beispiel: Originaltext (7. Historie), präzise
Aufgabenstellung und eine Schülerarbeit.
Fabel
Als Einstieg in die Kurzeinheit Fabel setze ich gerne Äsops
Erzählung "Der Fuchs und der Bock" und J. W. L. Gleims Gedicht "Lauter
Hirsche" ein.
Zu Äsops Fabel: Zunächst lesen die Schüler die Fabel still durch,
fassen sie anschließend mündlich zusammen und bearbeiten dann ein Arbeitsblatt
mit einer langen Liste von Adjektiven, die sie in einer Tabelle den beiden
Akteuren vor und nach der Rettung des Fuchses (s.
Anhang 2)
zuordnen. Die Besprechung der Schülerlösungen ermöglicht eine genauere
Charakterisierung der beiden Figuren. Nun wird der Text laut vorgelesen, wobei
die Klasse die wörtliche Rede unterstreicht. Der Vorschlag, die Fabel jetzt zu
spielen, wird selbstverständlich gerne aufgenommen. Im Nu ist ein Stuhlkreis
gebildet und der Brunnen aus Tischen aufgebaut. Es finden sich genügend
Schüler, die diese kleine Geschichte in improvisierter Form nachspielen
wollen. Den Spaß haben dabei nicht nur die "Schauspieler", sondern auch
das "Publikum", das über die Situationskomik, die der Handlung eigen ist, und
die Art, wie sie von den Mitschülern dargestellt wird, häufig in schallendes
Gelächter ausbricht.
Gleims "Lauter Hirsche"
trage ich in einer anderen Stunde selbst auswendig vor und mime dabei
(Stimmführung, Gestik und Bewegung!) abwechselnd den Hirsch, den Hasen und den
Esel. Die Antwort auf die sich daran anschließende Frage, welches der drei
Tiere ihnen am besten gefalle, fällt erwartungsgemäß aus: das Häschen. In
einem Gespräch begründen die Kinder ihre Meinung und vergleichen dabei spontan
die drei Figuren miteinander. Der Lehrer hält ihre Beiträge an der Tafel fest,
hütet sich aber vor einer eigenen Wertung. Als Hausaufgabe sollen die Schüler
nun die Fabel selbst auswendig lernen. In der folgenden Stunde wird sie von
verschiedenen Gruppen mit verteilten Rollen (einschließlich Erzähler)
vorgespielt. Kinder haben in diesem Alter keinerlei Hemmung, in die
Rolle von Tierfiguren zu schlüpfen! (
Anhang 3
)
Selbst verfasste Fabeln, deren Figuren
zur Abwechslung einmal nicht Tiere, sondern Alltagsgegenstande und Pflanzen
sind, werden von jüngeren Schülern mit großer Begeisterung gespielt. Ein
Vorgespräch über sprechende Gegenstände im Werbefernsehen oder auch in
Spielfilmen motiviert die Schüler, eigene Geschichten zu erfinden und zu
inszenieren. Häufig werden die Texte zuhause mit dem PC geschrieben und mit
passenden Cliparts versehen.
Balladen
Nach meiner
Erfahrung sind z. B. Theodor Fontanes Balladen "John Maynard" und "Die Brück
am Tay" aufgrund ihrer umfangreichen dialogischen Anteile und spannungsgeladenen Dramatik
für die Inszenierung als Rollenspiele besonders gut geeignet.
-
Rollen in "John
Maynard"
-> Rahmenstrophe (Einstieg): Einheimischer, Fremder
-> Binnenstrophen: Erzähler, John Maynard, Kapitän, Passagiere
-> Rahmenstrophe (Schluss): Bürger der Stadt
Rollen in "Die Brück am Tay"
-> Rahmenstrophen: 3 Hexen als personifizierte Naturgewalten
-> Binnenstrophen: Erzähler, Brücknersleut, Johnie, evtl. der Zug
(Binnenstrophe 1, Z. 24 - 26)
-
Vorbereitung der
Inszenierung in Gruppenarbeit
-> Rollencharakterisierung
-> Sprechweise in den einzelnen Situationen
-> Planung des Bühnenbilds (Mobiliar aus dem
Klassenzimmer bzw. der
Mehrzweckhalle, Bildprojektionen mit dem Beamer, sonstige
Requisiten...)
Dabei stellt sich vor allem die Frage, mit welchen Mitteln
z. B das Schiff, die Brücke und der Zug
angedeutet werden könnten.
-> Überlegungen zur Choreografie: Anordnung und Bewegung der Figuren auf der
"Bühne"
-> Tontechnik: Produktion von Geräuschen (Feuer, Sturm, Wasser, Geräusch
des nahenden Zuges u. s. w.)
-
Wichtig: Die
Vorbereitungen sollten sich nicht zu lange hinziehen: Spielfreude und
Spontaneität könnten unter einer zu genauen und sorgfältigen Planung leiden.
-
Beispiel für die
Gruppenarbeit anhand eines
Arbeitsblatts zu Goethes "Erlkönig" (hier:
Planung eines Hörspiels) von meiner Kollegin Martina Gruber:
PDF-Datei
-
Anmerkung: Es
liegt auf der Hand, dass eine handlungsorientierte (s. 2)
Form der Auseinandersetzung mit
literarischen Texten zu einem vertieften, zahlreiche Aspekte
umfassenden Verständnis führt und vor allem
auch den Bedürfnissen der infrage kommenden Altersstufen (Kl.
7/8) gerecht wird.
Eine rein textanalytische und schreiborientierte ( ->
Fußnote) Vorgehensweise würde sich mit der Zeit
demotivierend auf die Schüler/innen auswirken.
Fußnote zum Stichwort "schreiborientiert":
Typische Aufgaben zu John Maynard sind z.B.: Schildere die
Ereignisse aus der Sicht eines Passagiers
(Mutter/Vater/Kind...) - Verfasse als Kapitän/Journalist
einen Bericht bzw. eine Reportage für... - Schreibe einen inneren Monolog, der
die Gedanken und Gefühle von....wiedergibt.
Sketche
Ein Drehtag in Studio 13
Zum Inhalt: In Studio 13 beginnen die Dreharbeiten für einen neuen
Film. Die Handlung persifliert Motive aus dem Volkstheater: Die Fösterstochter
Vroni geht gerade ihrer häuslichen Arbeit nach und singt dabei ein Küchenlied
( "Sabinchen war ein Frauenzimmer, gar hold und tugendhaft..."), als ihre
Geliebter, der junge Jäger Fridolin Kosebald, auftaucht und sie
leidenschaftlich in die Arme nimmt. Kurz darauf pirscht sich sein Nebenbuhler,
der Wilderer Kaspar Finsterwald, durch die Tür und erschießt den arglosen
Liebhaber mit einem lauten "Peng" von hinten.
Vroni ruft den Arzt herbei. Da dieser nur noch den Tod
ihres Geliebten feststellen kann, alarmiert er sofort die Träger, die
den Leichnam an Armen und Beinen packen und fortschleppen. Nach der ersten
Probe ist der Regisseur überhaupt nicht mit seinem Team ( Schauspieler,
Kameramann, Beleuchter) zufrieden. Er verlangt nun von ihnen, das Stück
"flotter" zu spielen, was von seinen Leuten sofort umgesetzt wird, so dass die
Handlung rasend schnell, wie im Zeitraffer, abläuft. Auch an dieser und
anderen Versionen - schluchzend, lachend, schwerhörig, blind, betrunken,
verärgert, schläfrig - hat der Meister etwas auszusetzen, so
dass sein Personal schließlich völlig genervt über ihn herfällt und ihn
wegschleppt - vermutlich ins Irrenhaus! So oder ähnlich könnte die Geschichte
ausgehen.
An diesem Stück haben die Schüler (Klassenstufe 5 - 8) einen
"Mordsspaß", übrigens auch das Publikum an Elternabenden! Fantasie,
Improvisation, Spielwitz und die Lust an der Verwandlung stehen im
Vordergrund. Und vor allem jüngeren Schülern bereitet es große Freude,
sich den Charakteren entsprechend zu kostümieren! Dasselbe gilt auch für den
nächsten Sketch:
Wer hat da geniest?
An einer Haltestelle steigen 8 - 10 Leute in den Bus ein, wobei es
den Schülern vorbehalten bleibt, sich je nach Neigung für eine bestimmte
Rolle zu entscheiden: ein Tourist aus Bayern, eine Oma, ein oder mehrere
Rocker, eine elegante Dame, ein Engländer, eine Mutter mit Kleinkind u.s.w.!
Sobald alle Platz genommen haben, geht die Fahrt los! Dem Busfahrer macht es
offensichtlich riesigen Spaß, sein Fahrzeug zu lenken: Er betätigt souverän
die Gangschaltung, steuert sein Fahrzeug schwungvoll in unsichtbare Kurven
(die Fahrgäste neigen sich dabei simultan zur einen oder anderen Seite) oder
weicht reaktionsschnell Verkehrshindernissen aus. Plötzlich muss einer der
Fahrgäste niesen, und jetzt geschieht das Unerwartete: Der Fahrer tritt mit
aller Macht auf die Bremse, was auch an der ruckartigen Vorwärtsbewegung der
Fahrgäste deutlich wird, bringt den Bus zum Stehen, wendet sich um und stellt
die unheilverkündende Frage: "Wer hat da geniest?" Vielleicht war es ein
Junge, der sich nun schüchtern meldet und vom zornentbrannten Fahrer zum
Aussteigen aufgefordert wird. Dieser Vorgang wiederholt sich natürlich, bis
alle Fahrgäste, ausgenommen die beiden Rocker, den Bus verlassen haben. Je
nach Charakter des Fahrgastes fallen die Reaktionen unterschiedlich aus,
sodass es auch zu heftigen Wortwechseln und eventuell auch zu der einen
oder anderen Handgreiflichkeit kommen kann. Der Busfahrer bleibt jedoch
zunächst Herr im Haus. Als er seine Fahrt wieder fortsetzt, befällt ihn
plötzlich ein Niesanfall, so dass er sich genötigt sieht, sein Gefährt
anzuhalten. Die beiden Rocker, die sich ganz hinten im Bus niedergelassen
hatten, scheinen mit dieser Situation gerechnet zu haben. Ganz cool erheben
sich beide von ihrem Sitz, gehen langsam auf den Busfahrer zu und stellen
ihrerseits die unheilvolle Frage: "Wer hat das geniest?" Als der Schuldige
kleinlaut seine Schandtat zugibt, packen ihn die beiden am Kragen und
befördern ihn unsanft an die frische Luft. Einer der Rocker übernimmt
nun das Steuer.
Die Starrolle fällt hier natürlich dem Schüler zu, der den
Busfahrer spielt. Es erfordert einiges Geschick, pantomimisch das Lenken des
Busses zu simulieren. Der Lehrer wird auch darauf achten müssen, dass die
Fahrgäste ihrerseits durch synchronisierte Körperbewegungen einzelne
Fahrmanöver (plötzliche Kurve, Vollbremsung u.s.w.) andeuten. Der Bus ist
übrigens mit der entsprechenden Zahl von Stühlen sehr schnell "aufgebaut".
Die Originaltexte zu beiden Sketchen kann man in folgendem
herrlichen Bändchen nachlesen:
Sauer, Lothar: Mord auf der Wendeltreppe
40 klassische Sketche
Herder: 1883-4
Von der Erzählung zum Theaterstück
Als Vorlage verwende ich gerne neben
anderen Texten Hans Joachim Schädlichs wunderbare Erzählung "Der
Sprachabschneider" (Rowohlt 1. Aufl. 1980). Im Mittelpunkt dieser
Geschichte steht Paul. Er ist ein Junge mit einer blühenden Fantasie und einer
guten Beobachtungsgabe. Paul neigt dazu, vor sich hinzuträumen und die Dinge,
die er sieht, mit seiner starken Einbildungskraft in neuen lebendigen
Zusammenhängen wahrzunehmen: Wolken werden zu "Wolkenelefanten", schwankende
Straßenbahnen bei Regen zu "Straßenbahnschiffen" und Autos zu "Autobooten".
Eines Morgens bemerkt er vor der Schule eine seltsame Gestalt: Ein Mann mit
"einem großen grünen Regenschirm steigt auf einen Holzkasten, der wie ein
Koffer aussieht", und beginnt folgendes Lied zu krächzen:
Übernehme gegen Lohn
Aufsicht über Präposition.
Suche dringend Prädikat,
biete frischen Wortsalat.
Kaufe einzeln und komplett
Konsonanten (außer Z).
Wer tauscht alte Stammsyllaben
gegen fertige Hausaufgaben.
Paul denkt nicht weiter darüber nach und
sitzt seine Stunden in der Schule ab. Als er sich am Nachmittag recht lustlos
an die Erledigung der Hausaufgaben macht, klingelt es an der Wohnungstür. Es
ist der unheimliche Fremde, dem er vor der Schule begegnet war. Nachdem sich
dieser als "Vielolog" vorgestellt hat , macht er Paul ein solch verlockendes
Angebot, dass Paul nicht widerstehen kann: Wenn der ihm seine Präpositionen
gebe, was ja nicht viel sei, werde er für ihn eine Woche lang die Hausaufgaben
anfertigen. Paul unterschreibt eine Quittung, die sofort im Koffer des Fremden
landet, und ist nun von allen lästigen Pflichten für die Schule befreit. Die
schlimmen Folgen bekommt er jedoch sehr bald zu spüren. Seinen Eltern und
Freunden fällt auf, dass er manches nicht mehr richtig mitteilen kann. Einige
Formulierungen wirken so komisch ("Regen stürzte Straßenbahn..."), dass sie
zunächst glauben, er mache sich über sie lustig. Um nicht weiterhin zum
Gespött der Klasse zu werden, meldet er sich immer seltener und zieht sich in
sich selbst zurück. Nach einer Woche taucht der Sprachabschneider wieder auf.
Da Paul sich schulisch nicht mehr viel zutraut, lässt er sich auf ein weiteres
Geschäft mit ihm ein und verliert auf diese Weise alle seine "Verbformen" und
eine Woche später "von jedem Wort, das mit zwei Konsonanten anfängt,...den
ersten Konsonanten". Pauls Schwierigkeiten zu Hause, in der Schule und in
seinem Freundeskreis wachsen ihm allmählich über den Kopf. Schließlich ist er
so verzweifelt, dass er sich Vielolog auf der Straße in den Weg stellt und von
ihm "alles" wieder zurückfordert. Vielolog lacht hämisch, geht aber dann doch
unter folgender Bedingung auf Pauls Verlangen ein: Bevor dieser seine Sprache
wieder vollständig zurückbekommt, muss er eine äußerst schwierige Aufgabe
lösen...
Theaterprojekt: Die Schüler erhalten nun, zum Beispiel im Rahmen einer
Theater-AG, den Auftrag, anhand der im Text enthaltenen wörtlichen Rede einen
Rollentext zu erstellen. Außer den in der Geschichte genannten Figuren könnte
man noch einen Erzähler einbauen, der zu Beginn eine kleine Einführung gibt,
zwischen den einzelnen Szenen moderiert und auf diese Weise das Publikum durch
das Stück führt. Es bleibt den Schülern überlassen, weitere Episoden
hinzuzuerfinden. Falls das Projekt mit einer Klasse im Deutschunterricht
durchgeführt wird, sollten möglichst viele Rollen angeboten werden: Die
szenische Gestaltung einer Geographiestunde, in der sich Paul am Ende blamiert
("Main fließt Rhein"), wäre z.B. eine Möglichkeit, mehr Schüler am Stück zu
beteiligen.
Anmerkung: Hans Joachim Schädlichs Erzählung eignet sich natürlich auch
hervorragend als Vorlesegeschichte in den Klassenstufen 5-6. Ich kenne nur
wenige Texte, bei welchen die Kinder so aufmerksam und gespannt zuhören wie
bei diesem modernen Märchen!
Anhang 1
Till
Eulenspiegel
Die 7. Historie
sagt, wie Eulenspiegel das Weck- oder Semmelbrot mit anderen Jungen
im Übermaß essen musste und noch dazu geschlagen wurde.
In dem Flecken,
worin Eulenspiegel mit seiner Mutter wohnte, herrschte ein Sitte: wenn ein
Hauswirt ein Schwein geschlachtet hatte, gingen die Nachbarskinder in das
Haus und aßen dort eine Suppe oder einen Brei. Das nannte man das Weckbrot.
Nun wohnte in demselben Flecken ein Gutspächter, der war geizig mit dem
Essen und durfte doch den Kindern das Weckbrot nicht versagen. Da erdachte
er eine List, mit der er ihnen das Weckbrot verleiden wollte. Er schnitt in
eine große Milchschüssel harte Brotrinden. Als die Kinder kamen, Knaben und
Mädchen - darunter auch Eulenspiegel - , ließ er sie ein, schloss aber die
Tür zu und begoss das Brot mit Suppe. Der Brotbrocken waren aber viel mehr,
als die Kinder essen konnten. Wenn nun eins satt war und davongehen wollte,
kam der Hausherr und schlug es mit Ruten um die Lenden, sodass ein jedes im
Übermaß essen musste. Und der Hausherr wusste wohl von Eulenspiegels
Streichen, sodass er auf ihn besonders Acht gab. Wenn er einen anderen um
die Lenden hieb, so traf er Eulenspiegel noch besser. Das trieb er so lange,
bis die Kinder alle Brocken des Weckbrots aufgegessen hatten. Das bekam
ihnen ebenso gut wie dem Hund das Gras.
Danach wollte kein Kind mehr in des geizigen Mannes Haus gehen, um Weckbrot
oder Metzelsuppe zu essen.
Worterklärungen:
Semmelbrot: mit
Wurstbrühe übergossenes Weizenbrot
Gras: wirkt bei Hunden wie ein Abführmittel.
Metzelsuppe: Brühe,
in der bei der Hausschlachtung die Wurst gekocht wurde.
Arbeitsauftrag: Entwurf eines Rollenspiels
Thema: Das Weckbrot – Tills Rache
Szenenvorschläge:
Teil I:
Die Metzelsuppe
-
Till und seine Freunde haben gehört,
dass der Gutspächter ein Schwein geschlachtet hat. Sie wissen zwar, dass
er ein Geizhals ist, glauben aber, dass er ihnen eine Bewirtung nicht
abschlagen dürfe. Sie beschließen deshalb nach einigem Hin und Her, den
Hauswirt um ein Weckbrot zu bitten.
-
Beim Gutspächter
a) Till und seine Freunde tragen ihre Bitte vor; sie werden scheinbar
freundlich empfangen. Der Gutpächter führt sie ins Wohnzimmer und lässt
sie am Tisch Platz nehmen.
b) Der Gutspächter mit seiner Frau in der Küche:
- Sie beraten, wie sie den verhassten Kindern das Weckbrot verleiden
könnten. Da haben sie eine tolle Idee.
- Sie schließen daraufhin die Haustür ab, richten das scheußliche Weckbrot
und tischen es auf. Nun zwingt der Gutspächter die Kinder mit Gewalt – vor
allem natürlich Till - den Fraß zu essen.
(Was sagt er dabei? Welche Rolle könnte seine Frau in dieser Szene
spielen? Was sagen/wie verhalten sich dabei die Kinder?)
Teil II: Tills Rache
Vorschlag: Er heckt den Streich zusammen mit seinen Freunden
aus.
Plant nun selbst die Szenen!
Lösungsbeispiel:
Personen
Kinder:
Till (T), Maria (M), Anton (A), Felix (F), Gretchen (G), Tina (Ti),
Gutspächter: Kurt (K), seine Frau Edeltraut (E)
Szene 1: Im Wald
T: Was meint ihr? Sollen wir zum Gutpächter Kurt gehen oder
nicht? Ich habe gehört, dass er wieder
ein Schwein geschlachtet hat.
A: Ich schlage vor, dass wir gehen. So etwas
passiert nicht immer.
G: Ich habe aber Angst.
F: Feigling!!!
M: Mir ist auch nicht ganz wohl zumute.
T: Nun macht euch doch nicht gleich in die Hose.
Versuchen wir 's doch mal. Es kann ja nicht schaden.
Szene 2: In der
Küche des Gutpächters
E:
Wer war denn da an der Tür?
K: Der Lausbub Till!! Er will mit seinen Freunden zu
uns
kommen, um Weckbrot zu essen.
E: Dieser Lausejunge? Was fällt dir ein, den in
UNSER Haus
zu lassen!!!
K: Halt, halt! Ich hab da eine Idee, so dass dieser
Bub und seine
Bande nicht wieder zu uns kommen werden.
(Gutpächter lacht)
E: Und wie willst du das anstellen?
K: Sie MÜSSEN essen! So viel, wie da ist, deshalb
mach die
doppelte Menge!
(lacht wieder)
E: Aber das ist doch...! Jaaa, das ist eine gute
Idee.
K: Sag ich doch.
(Beide lachen hämisch)
Sie bereiten Mahl vor und decken den Tisch.
Szene 3: Die Kinder kommen zu Kurt
Es klopft an der Tür. Der Gutpächter öffnet sie und
lässt die
Kinder herein.
K: Hallo Kinder. Nehmt Platz.
Der Tisch ist mit sehr viel Weckbrot gedeckt.
Die Kinder starren es erstaunt an.
A: Dürfen wir das...
F: ...wirklich...
Ti: ...essen?
K: Aber natürlich dürft ihr das essen. Greift zu!
Die Kinder staunen über so viel Gastfreundlichkeit.
Nun fangen sie an zu essen.
G: Mmmhh, das hat gut geschmeckt. Also, ich geh dann
jetzt.
T: Ich komme mit. Ich bin pappsatt.
K: Hier geblieben!! In dem Topf ist noch viel drin.
M: Aber wir können nicht mehr.
K: Das ist egal! Esst das jetzt auf! Und zwar
ALLES!!!!!! (Kurt
greift nach der Peitsche)
A: Wir wollen aber nichts mehr essen, wir sind satt.
F: Ja, genau.
K: Ruhe jetzt!!
Esst jetzt!!
T: Das tue ich aber nicht.
(Kurt schlägt Till)
Aua, aua! Das tut weh!! Aua, aua!!
G: Lassen sie ihn in Ruhe!! Er hat ihnen überhaupt
nichts getan.
K: Werd jetzt bloß nicht frech, Kleines!!
F: Aber Gretchen hat doch Recht.
Kurt peitscht nun
auch Felix.
F: Aua, aua!
A: Lassen sie meinen Bruder in Ruhe!!
K: RUHE!!! Setzt euch jetzt wieder und esst weiter.
Sie tun, was Kurt ihnen sagt und essen die ganze
Schüssel
leer.
Szene 4: Das
Versteck im Wald
Till trommelt seine Freunde zum Versteck im Wald.
T: Gut, dass ihr alle gekommen seid.
G: Was sollen wir jetzt tun?
T: Wir müssen es dem Gutpächter heimzahlen.
A: Ja, natürlich.
F: Ist doch ganz klar.
M: Was denn sonst?
A: Aber wie denn, Till?
G: Ich habe eine Idee!!
A: Sag schon!!
F: Heraus damit!!
G: Also, ich schlage vor, wenn der Gutpächter wieder
einmal ein Schwein schlachtet, klauen wir das und geben es erst zurück,
wenn er uns
verspricht, dass wir bei ihm Weckbrot essen dürfen,
aber nur so
viel, wie wir wollen.
T: Nein, ich finde diese Idee blöd und langweilig,
denn wenn er
sein Schwein wieder hat und uns doch nichts gibt,
was dann?
A: Tja, da hast
du auch wieder Recht.
T: Also, ich schlage vor, wenn der Gutpächter
wieder schlachtet, gehen wir hin und...
F: Ich geh da nicht noch einmal hin!!
M: Ach Felix, lass Till doch erst einmal ausreden!
T: Gut, also wir gehen wieder zu ihm hin, aber wenn
wir drin
sind, nehmen wir ihm die Rute weg, denn wir sind in
der Überzahl , und zwingen ihn, alles alleine aufzuessen und wenn er nicht
will,
schlagen wir ihn so wie er bei uns.
A: Ja,
die
Idee ist gut.
F: Ja, find
ich
auch.
G: Na ja, ich weiß nicht recht, ein bisschen gemein
ist es schon.
Ti: Wieso? Er war doch auch so gemein zu uns.
T: Also, seid ihr damit einverstanden?
F: Na klar.
A: Klaro.
M: OK.
T: Und Gretchen, was ist mit dir?
G: (zögernd) Na gut, von mir aus.
T: Dann ist ja alles paletti! Wir treffen uns dann
vor dem Haus des Gutpächters.
F: Wann?
T: Ich sag euch davor noch Bescheid, okay?
A: Okay!
M: Ich muss jetzt nach Hause, auf meine kleine
Schwester aufpassen. Tschüss dann!
T: Tschüss, ich geh auch heim.
G: Till warte, wir haben ja fast den gleichen Weg.
A: Na, wenn alle gehen, geh ich auch!
Beeil dich, Felix!!
F: Ja, ja, ich komm ja schon!!
Szene 5:
Ein paar Wochen später ist es dann so weit.
Ein anderes Schwein wurde geschlachtet. Alle Kinder sind wieder zusammen
und
stehen jetzt vor des Gutpächters Haus.
T: Also, gehen wir alles noch einmal durch:
Maria, du schleichst dich von hinten an.
Anton und Felix, ihr kommt von den Seiten.
Tina, du passt auf, dass seine Frau nicht kommt.
Und du Gretchen, kommst von vorn.
Ich nehme ihm dann die Rute weg, aber ihr wartet
erst auf mein
Zeichen. Sonst alles klar?
A: Jo!
F: Klar doch!
M: Ja!
Tina: Natürlich!
G: Na ja, okay!
T: Also, dann wollen wir mal!
Szene 6: Beim Gutpächter
So gehen die 6 Kinder , ermutigt durch Till ,
hinein, aber als sie den
Pächter mit der Rute sehen, bekommen sie doch ein
bisschen Angst.
Sie essen ein wenig vom Brot und warten auf Tills
Zeichen. Nun pfeift Till mit zwei Fingern. Das war das ausgemachte
Zeichen. Alle stürmten kurz darauf auf den Gutpächter zu.
T:
Los!! Schnappt ihn euch!!
Alle: Tun wir doch!!
K: Hilfe, loslassen!! Was wollt ihr denn von mir?
A: Till, schnell, die Rute!!
T: Ich hab sie! Ich hab sie! Ihr könnt ihn jetzt
loslassen.
Augenblicklich lassen alle von ihm ab und stellen
sich an die
Tür, damit er nicht entwischen kann..
T: So, Sie essen jetzt alles was da auf dem Tisch
steht!
K: Alles?
F: Ja, alles!!
K: Aber das ist doch viel zu viel!!
A: Wir mussten auch so viel essen.
So musste der Pächter noch mehr essen, Gretchen aber
hatte Mitleid
mit ihm.
G:
Lasst ihn doch jetzt. Er hat schon viel gegessen und außerdem sind wir zu
sechst und er ist allein.
T: Nein!!! Er MUSS essen, bis alles leer ist!!
Der Gutpächter muss also alles essen. Aber daraus
hat er auch
was gelernt: Wenn Kinder etwas essen wollen, müssen
sie nicht
essen, sondern dürfen essen und nur so viel, wie sie
wollen.
Geschrieben von Lena Stockburger
Auf Computer getippt von Miriam Kaltenbacher
Anhang 2
Der Fuchs und der Bock
Ein Bock und ein Fuchs gingen in der größten Hitze miteinander über die
Felder und fanden, von Durst gequält, endlich einen Brunnen, jedoch kein
Gefäß zum Wasserschöpfen. Ohne sich lang zu bedenken, sprangen sie, der
Bock voraus, hinunter und stillten ihren Durst. Nun erst begann der Bock
umherzuschauen, wie er wieder herauskommen könnte. Der Fuchs beruhigte ihn
und sagte: "Sei guten Muts, Freund, noch weiß ich Rat, der uns beide
retten kann! Stelle dich auf deine Hinterbeine, stemme die vorderen gegen
die Wand und recke den Kopf recht in die Höhe, daß die Hörner ganz
aufliegen, so kann ich leicht von deinem Rücken hinausspringen und auch
dich retten!"
Der Bock tat dies alles ganz willig. Mit einem Sprung war der Fuchs
gerettet und spottete nun des Bocks voll Schadenfreude, der ihn hingegen
mit Recht der Treulosigkeit beschuldigte. Endlich nahm der Fuchs Abschied
und sagte: "Ich sehe schlechterdings keinen Ausweg zu deiner Rettung, mein
Freund! Höre aber zum Dank meine Ansicht: Hättest du so viel Verstand
gehabt als Haare im Bart, so wärest du nie in diesen Brunnen gestiegen,
ohne auch vorher zu bedenken, wie du wieder herauskommen könntest!"
Vorgetan und nachbedacht, hat manchen in groß Leid gebracht!
Arbeitsblatt: Ordne in einer Tabelle
folgende Eigenschaften dem Fuchs und dem Bock vor bzw. nach der Rettung
des Fuchses zu!
ahnungslos, verführerisch, schlau, unbedacht, unkameradschaftlich,
schadenfroh, gemein, unüberlegt, enttäuscht, diplomatisch, triumphierend,
selbstgefällig, ärgerlich, hinterhältig, listig, verschwiegen,
betrügerisch, arglos, vertrauensselig, höhnisch, niederträchtig, dumm,
geschickt, gutgläubig, zutraulich, hilfsbereit, beschämt
Anhang 3
Johann Wilhelm Gleim:
Lauter Hirsche
Ein Hirsch mit prächtigem Geweih
Von achtzehn Enden ging spazieren.
Ein Hase lief vorbei,
Sah ihn und stutzte. Starr auf allen vieren
Steht er und gafft ihn an,
Macht Männchen, geht heran,
Sagt: "Lieber, sieh mich an!
Ich bin ein kleiner Hirsch.
Denn spitz ich meine Ohren,
So hab ich ein Geweih wie du!"
Ein Esel hörte zu,
Sprach: "Häschen, du hast recht!"
Wir sind von einerlei Geschlecht,
Der Hirsch und ich und du!"
Der Hirsch tat einen Seitenblick
Und ging in seinen Wald zurück.
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