Schriftliches Erzählen
ist eine Fertigkeit, die ich bis
zur 10. Klasse einüben lasse. Vor allem in der Mittelstufe sind die
Jugendlichen dabei zu erstaunlichen Leistungen fähig.
Ab Klassenstufe 8 fordere ich meine Schüler/innen dazu auf, möglichst alle
Erzählmittel und -techniken, die ihnen schon vertraut sind, in einer
längeren Geschichte zu berücksichtigen, wobei meist eine kurze
Zeitungsnachricht als Erzählkern dient. Darüber hinaus untersuche ich
mit ihnen literarische Texte, an denen besondere Stilmittel und
Darstellungsweisen auffallen. Auch diese sollen zur eigenen Produktion anregen.
Inzwischen besitze ich so viele von Schülern selbst gestaltete
Erzählungen, dass ich in der Einstiegsstunde aus dieser Sammlung
einen besonders ergiebigen Text vorlese und bespreche. Ich stelle hier nun
ein älteres Beispiel vor, das schon mehrfach in dieser
Unterrichtseinheit erfolgreich zum Einsatz kam: Dem Text
"Gefährliche Bootsfahrt" (s.
Anhang) lag eine kurze
Zeitungsnachricht zugrunde, die entsprechend ausgestaltet werden sollte:
Donauwörth,14. Juli
In der Nähe von Donauwörth kenterte gestern ein Faltboot. Während sich
der eine Insasse durch Schwimmen retten konnte, wurde der andere durch die
starke Strömung abgetrieben. Ein Schiffer hatte den Vorfall beobachtet.
Ohne Zögern sprang er dem Ertrinkenden nach und rettete ihn unter Einsatz
seines Lebens.
Diesen kleinen Bericht präsentiere ich der Klasse mit dem
Tageslichtprojektor und lasse sie den spärlichen Informationsgehalt zusammenfassen. Möglicher
Tafelanschrieb:
Wo: Donau/Donauwörth
Wer: die Insassen eines Faltboots/
ein Schiffer
Was: Faltboot kentert in der Strömung
Ein Insasse kann sich selbst ans Ufer retten
Der Schiffer rettet den zweiten Insassen
Im Brainstorming-Verfahren sammeln
die Schüler daraufhin Ideen, wie man die Geschichte inhaltlich und formal
ausgestalten könnte. Nun trage ich den Text "Gefährliche
Bootsfahrt" möglichst spannend vor. In der sich daran
anschließenden Partnerarbeit werden Gestaltungsmerkmale dieser
Erzählung erarbeitet und an der Tafel festgehalten:
Planung
einer eigenen Erzählung
anhand einer weiteren Zeitungsnachricht, z.B. der folgenden:
Zwei Tage in Wäldern umhergeirrt
Stuttgart. Der seit Tagen als vermisst geltende Franz Brinkmann ist
gestern Abend zu seinen Eltern zurückgekehrt. Wie sich herausstellte,
hatte er zum Schulschluss ein schlechtes Zeugnis erhalten und sich nicht
mehr nach Hause getraut. Zwei Tage irrte er in den umliegenden Wäldern
umher, bis ihn der Hunger wieder nach Hause trieb.
-
Welche Personen könnten außerdem
vorkommen?
-
Wie würdet ihr die Hauptfiguren
charakterisieren?
-
Aus welchen Szenen/Handlungsteilen
könnte die Erzählung bestehen?
-
Perspektivenwechsel
Hausaufgabe: Gestaltung der Einleitung
In der nächsten Stunde werden einige
Einleitungen vorgelesen und kommentiert. Die Klasse erhält nun genügend
Zeit, in dieser und in den folgenden Stunden ein Konzept ihrer Erzählung
zu erarbeiten. Die Reinschrift erfolgt zu Hause. Viele Schüler tippen und
gestalten ihre Texte gerne am PC.
Besprechung
der Schülerarbeiten: In
1 - 2 Stunden werden Auszüge nach bestimmten inhaltlichen und formalen
Kriterien vorgelesen und diskutiert, z. B.:
-
Schilderung der Zeugnisausgabe
-
Innere Vorgänge: Fr. B. beschließt
nicht nach Hause zu gehen
-
Szenenschnitt/Perspektivenwechsel: Frau
B. wartet vergeblich auf ihren Sohn
-
Schilderung: abends/nachts im Wald
Siehe Textauszüge aus Hausaufsätzen
(Anfang 8. Kl., Oktober 2003) Im
Anhang1
Zum Abschluss könnten 2 - 3
vollständige Arbeiten vorgelesen werden. Der Lehrer sollte der Klasse außerdem anbieten, ihre Texte zu korrigieren (keine Note, sondern
anschließende Beratung!).
Für die Klassenarbeit
müssten mindestens 2 Stunden angesetzt werden. Ein vollständiges Konzept ist aus zeitlichen Gründen nicht möglich. Es ist auch nicht sinnvoll,
auf inhaltliche Vollständigkeit zu achten: Die Gestaltung zweier
Höhepunkte genügt; die Geschichte darf offen enden.
Weitere Zeitungsberichte für gestaltendes
Erzählen: s.
Anhang2
|
| Anhang:
Gefährliche Bootsfahrt
Es geschah an einem schwülen und heißen Sommertag in einem kleinen
Ort an der Donau. Die Luft war drückend und staubig. Es hatte in diesem
Sommer noch keinen Tropfen geregnet und alle Freibäder waren
überfüllt.
Thomas, 15, und Bernd, 16, zwei gut befreundete Jungs, trafen sich an
diesem Tag nach der Schule. Es war der letzte Schultag vor den
Sommerferien. Die beiden waren guter Laune und beschlossen, am Nachmittag
etwas zu unternehmen. "Ich habe eine tolle Idee", meinte Bernd,
"wir könnten mit meinem neuen Faltboot ein bisschen auf der Donau
rumpaddeln. Was meinst du dazu?" Thomas war einverstanden. Er war
meistens mit allem einverstanden, was Bernd vorschlug. Eigentlich
wunderten sich viele, warum sich die beiden so gut verstanden, denn sie
waren grundverschieden, nicht nur äußerlich, sondern auch in ihrem
Wesen. Bernd war im Gegensatz zu Thomas groß und ziemlich kräftig, er
war sehr selbstbewusst und nie auf den Mund gefallen. Thomas dagegen war
klein und schmal, er willigte in alles, was Bernd tat und sagte, ein und
galt als der Schüchternste in seiner Klasse.
Sie verabredeten sich um 14 Uhr an der Ecke Leopoldstr. - Rosenweg.
Bis zu diesem Tag kannte der Schiffer Heinz Hausen die beiden Jungs
noch nicht, und er ahnte auch nicht, dass er sie am selben Tag noch kennen
lernen würde, und das unter gefährlichen Umständen. Heinz Hausen,
45/Junggeselle, hatte sich an diesem Tag vorgenommen, auf seinem Kahn
"Anna Karina" Großputz zu machen.
Punkt 14 Uhr erschien Bernd mit seinem leuchtend gelben Faltboot unterm
Arm am vereinbarten Treffpunkt. Thomas wartete schon, und zusammen gingen
sie hinunter ans Donauufer. Bernd hatte auch an eine Luftpumpe gedacht,
und abwechselnd pumpten sie Luft ins Boot, das sich langsam aufrichtete.
Nach einigen Minuten konnten sie das Boot an einer günstigen Stelle ins
Wasser setzen und vorsichtig einsteigen. Sie mussten aufpassen, dass es
nicht umkippte.
Um 14.20 Uhr waren sie startklar und Bernd stieß sie vorsichtig von der
Ufermauer ab. Das Boot glitt ohne Schwierigkeiten durch das Wasser. - Als
sie schon etwa eine Viertelstunde flussabwärts gefahren waren, wurde das
Boot schneller und schneller. Einige Strudel rissen es hin und her, und
Bern überlegte mit Schrecken, wie er das Boot wieder an Land bringen
sollte. Die Jungs hatten nun Schwierigkeiten, es in einer Richtung zu
halten und zu verhindern, dass es sich wie ein Kreisel um die eigene Achse
drehte. Sie bekamen es mit der Angst zu tun. "Nur Ruhe
bewahren", dachte Bernd, und er hoffte inständig, dass das Wasser an
einer anderen Stelle wieder ruhiger werden würde. Plötzlich hörte er
hinter sich den Aufschrei von Thomas. "Was ist?", rief Bernd.
"Mein Paddel ist weg! Die Strömung hat es mir weggerissen!"
"Schwächling", dachte Bernd bei sich und eine Wut überkam ihn,
da er jetzt das Boot alleine lenken musste. Plötzlich spritzte Wasser vor
ihnen hoch, sie wurden völlig durchnässt, und Bernd sah nicht mehr, was
vor ihm war. Er spürte nur einen Stoß und hörte Thomas noch einmal
aufschreien... Heinz Hausen war gerade damit beschäftigt, das Dach
seines Kahns zu scheuern und zu schrubben, als er ein leuchtend gelbes
Faltboot mit zwei Insassen den Fluss hinuntertreiben sah. "Zwei
Verrückte", murmelte er, "die Strömung ist hier doch viel zu
stark für ein leichtes Faltboot." Er schüttelte den Kopf und machte
sich weiter an die Arbeit. Da hörte er Schreie und Rufe. Er drehte sich
um und dort, wo eben noch das Faltboot geschwommen war, sah er jetzt nur
noch eine gelbe Hülle. Sie hing an einem Felsen, der aus dem Wasser
ragte. Gleich darauf bemerkte er, wie einer der Insassen des Bootes mit
kräftigen Zügen auf das Ufer zuschwamm. Den anderen sah er nicht...
Doch! Dort, in der Nähe seines Kahns! Ohne zu zögern sprang er ins
Wasser und versuchte gegen die Strömung anzukämpfen. Seine kräftigen,
muskulösen Arme bahnten sich einen Weg durch das reißende Wasser. Nur
noch zwei Meter, dann hatte er ihn erreicht. Er fasste den bewusstlosen
Jungen mit einem geübten Griff unter den Armen und schleppte ihn keuchend
an Land. |
|
Anhang1
Auszug 1: Franz Brinkmann - Charakteristik
...Franz ist 13 Jahre alt und geht in die 7. Klasse des
Humboldt-Gymnasiums in Stuttgart. Er wohnt in der Heidenallee 17, nur
wenige Meter von der Schule entfernt. Franz ist für sein Alter ziemlich
groß und hager. Deshalb wird er von den Klassenkameraden oft Bohnenstange
genannt. Er ist auch nicht gerade ein "Superhirn" und hat schon
oft um seine Versetzung gekämpft. Das bringt ihm mit seinen ehrgeizigen
Eltern regelmäßig Ärger ein. Denn diese erwarten immer nur sehr gute
Leistungen von ihm. Eine seiner Macken ist, dass er oft zu spät kommt.
Egal zu was. Franz' bester Freund Klaus wohnt im Nachbarhaus am Ende der
Straße. Dahinter erstreckt sich nur noch Wald. Die beiden Freunde
besuchen dieselbe Klasse. Ihre Klassenlehrerin, Frau Putte, ist eigentlich
ganz nett, hasst es aber, wenn jemand unpünktlich ist. Deshalb mag sie
Franz auch nicht sonderlich und macht ihn oft vor der ganzen Klasse
lächerlich... (S. D.)
Auszug 2: Zeugnisausgabe
... Im
Klassenzimmer herrscht helle Aufregung. Einige Mädchen rennen im Zimmer
umher und kreischen. Andere stehen auf dem Gang und unterhalten sich über
die Ferien und was sie vorhaben. Nur Franz, der kaum Freunde außer Toni
hat, sitzt still an seinem Platz und ahnt schon, dass sein Zeugnis
schlecht ausfallen wird. Jetzt sieht er, wie Herr Linus, der
Klassenlehrer, die Tür hinter sich zuschlägt und sich an das Pult setzt.
Die Klasse begrüßt ihn im Chor. Herr Linus holt die Zeugnishefte aus der
Tasche und legt sie vor sich. Er schaut über seinen Brillenrand hinweg
und ruft: "Nun, fangen wir an! Dieses Jahr sieht es bei manchen von euch
ja nicht besonders gut aus." Franz versucht, dem Blick des Klassenlehrers
auszuweichen. "Hätte ich doch mehr gelernt und meinen Eltern von den
schlechten Noten erzählt!", sagt er in sich hinein. -
"Nathalie, gutes Zeugnis." Diese nimmt ihr Zeugnis, schaut
es an und gibt einen kleinen Freudenschrei von sich. "Roland! Du bist
Klassenbester! Glückwunsch." Herr Linus lächelt. Doch sofort
verfinstert sich sein Gesicht und er hat tiefe Falten auf seiner Stirn.
"Franz!", ruft er mit ernster Stimme. Langsam geht Franz nach
vorne. Herr Linus schaut ihn streng durch die dicken Brillengläser an.
"Könnte besser sein, Franz." Mit knallrotem Gesicht und dem
Zeugnis in der feucht geschwitzten Hand kehrt er an seinen Platz zurück.
Vorsichtig schaut er in das Zeugnisheft. Das Erste, was er sieht,
ist eine Fünf. Franz schlägt das Heft mit zitternden Händen auf. Jetzt
erblickt er die anderen Noten: vier Dreien, fünf Vieren und eine Zwei in
Religion. "Dass mein Zeugnis so schlecht ist, hätte ich nie
gedacht. Wie soll ich das bloß meinen Eltern erklären", flüstert
er... (C. K.)
Auszug 3: Franz beschließt, nicht nach Hause zu gehen
...Nun steht er auf dem Schulhof. Er schaut sich verstohlen um, ob
alle gegangen sind, und als er niemanden entdeckt, schlüpft er schnell in
die Büsche am Rand des Hofes. Er fühlt sich wie in der Hölle: Die
Büsche sind zu Wänden verwebt und mit großen Stöcken abgestützt. Hier
verstecken sich die Jungen gewöhnlich in der Pause, spielen Karten und
rauchen heimlich Zigaretten. Doch jetzt ist hier keine Menschenseele zu
sehen. Franz blickt sich noch einmal um, öffnet dann seinen Ranzen und
packt sein Zeugnis aus. Es ist schlimmer, als er gedacht hatte. In allen
Hauptfächern eine Fünf, in den meisten Nebenfächern eine Vier. Er setzt
sich erst einmal auf einen Stein und atmet tief durch. Völlig verzweifelt
fragt er sich, wie wohl seine Eltern reagieren würden. Bestimmt würden
sie total ausrasten! Er müsste auf die Realschule gehen und bekäme
außerdem kein neues Rennrad... (S. D.)
Auszug 4: Franz verschwindet im Wald
...Plötzlich packt Franz die Wut über sich selbst. Er kann nicht
anders und läuft los. Er rennt durch die Leopoldstraße, quer durch den
Stadtgarten vorbei an den rotblühenden Rosenbüschen und weiter durch die
Sonnwaldgasse an anderen Schulkindern vorbei, die ihn komisch anschauen.
Er rennt und rennt. Erst am Waldrand verlangsamt er seine Schritte und
setzt sich völlig außer Atem auf einen abgesägten Baumstumpf. Franz
hält seine Hände vor die Augen und weint. Nach einigen Minuten richtet
er sich auf biegt langsam, mit geröteten Wangen, in den Wald ein. Er
arbeitet sich durch Gestrüpp, über Äste und gefällte Bäume und setzt
sich schließlich mitten ins Unterholz. Neben ihm krabbelt eine kleine
Spinne, die ein Bein verloren hat. Auf einmal plagt ihn Hunger. Ihm fällt
ein, dass er ja noch das Vesper von heute Morgen hat. Vor Aufregung wegen
des Zeugnisses hatte er es völlig vergessen. Er packt es aus. Es besteht
wie immer aus einem Wurstbrot und einem Apfel. Franz beißt kräftig in
den grünen Apfel. Er schmeckt ziemlich sauer. Da kommt ihm der Gedanke,
dass er sich sein Vesper gut einteilen muss. So legt er den Apfel in seine
Vesperdose zurück und lässt sie offen vor sich stehen...(C. K.)
Auszug 5: Szenenschnitt - Frau Brinkmann
...Zur selben Zeit trägt Claudia, seine Mutter, die Einkäufe in die
Garage und schließt die Haustüre auf. Als sie in der Küche steht,
bemerkt sie, dass die Büsche am Waldrand sehr stark schwanken, obwohl es
gar nicht windet. Aber sie denkt sich nichts weiter dabei, da hier
häufiger frei laufende Hunde herumstreunen. Nun begibt sie sich ins
Wohnzimmer um ein wenig fernzusehen und ruft Franz, dass er noch seine
Stiefel putzen solle. Als ihr niemand antwortet, schaut sie in seinem
Zimmer nach, kann ihn aber dort nicht entdecken. Deshalb ruft sie seinen
Freund Klaus an. Der ihr berichtet, dass Franz nach der Schule noch
irgendetwas erledigen wollte. Sie bedankt sich für die Auskunft und legt
den Hörer auf. "Er wird wohl bei einem neuen Freund sein",
denkt sie sich und macht sich keine weiteren Sorgen mehr. Dass Franz heute
sein Zeugnis bekommen würde, hat sie völlig vergessen... (S. D.)
Auszug 6: Die Nacht im Wald
..."Endlich Ruhe! Endlich weg von dem ganzen Müll!", dachte
Franz erleichtert. Er hatte sich beruhigt und wanderte immer tiefer in den
Wald, denn seine Entscheidung war gefällt und von der ließ er sich nicht
mehr abbringen. Er blickte auf die Uhr. Fünf nach halb sieben.
"Jetzt lauf' ich schon den ganzen Nachmittag und es wird bald dunkel.
Wird Zeit, mein Nachtlager aufzubauen. Ach Quatsch, was will ich denn
aufbauen? Hab' ja nix dabei außer meinem Schulranzen!" Da entdeckte
er einen Baum mit großen Wurzeln. Er war perfekt. Zwischen zwei Wurzeln
bildete sich eine Kuhle, die mit trockenem Moos zugewachsen war. Außerdem
hörte er das Gurgeln eines Baches in der Nähe. Franz ging noch kurz zum
Wasser, um seinen Durst zu löschen und sich den Dreck aus dem Gesicht zu
wischen. Dann legte er sich hin und starrte zwischen die Bäume, die jetzt
eher dunklen Monstern ähnelten als grünen Tannen...
..."Da! Wieder so ein Knacken! Schleicht da nicht
einer um meinen Baum herum?" Franz lag zitternd mit aufgerissenen
Augen da und starrte in die Finsternis. Der Hunger, der ihn den ganzen Tag
geplagt hatte, war wie weggeblasen, dafür quälte ihn jetzt die Angst und
die war mindestens genauso schlimm. Die gnadenlose Dunkelheit zwischen den
Bäumen schien ihn aufzufressen. Franz hatte sich auf eine langweilige
Nacht eingestellt und nun dieser Horror! Überall waren Geräusche, aber
nirgends konnte er etwas sehen. Manchmal bemerkte er, wie etwas raschelnd
und knackend durch den nächtlichen Wald flitzte. Franz erwartete jeden
Moment, dass irgendein monsterartiges Etwas ihn anspringen würde. Doch
bis jetzt geschah nichts. Seine panische Furcht steigerte sich, als er den
Sichelmond zwischen den Ästen, die auf ihn wie verkrüppelte Klauen
wirkten, auftauchen sah. Der Mond hüllte seinen Schlafplatz in mattes,
weißes Licht. "Jetzt kann mich jeder sehen!", dachte Franz und
war froh, als sich eine große Wolke, wie von Geisterhand bewegt, vor den
Mond schob... (J. H.)
Auszug 7: Franz und der "Penner"
..."Hey, Kumpel!" Eine laute Stimme reißt ihn aus seinen
wilden Träumen. Blinzelnd und verschlafen sieht er auf. Vor Schreck
springt er auf die Beine. Ein großer, muskulöser, wirr aussehender
Penner steht vor ihm. Er trägt einen alten Hut, eine zerrissene Hose und
ein schmutziges Hemd. Auf einer Schulter baumelt lässig ein Rucksack.
"Hier schlafe ich normalerweise! Bist wohl ein Langschläfer, he? Und
gewöhnt bist du es wohl auch net. So blaue Lippen habe ich auch noch nie
gesehen. Mach Platz!", fordert der etwa fünfzigjährige Mann ihn
auf. Franz rückt ängstlich zur Seite. Der Penner holt aus seinem
Rucksack eine braune Wolldecke heraus und wirft sie Franz zu. "Hier,
wärme dich auf", meint er. "Ich bin Jo. Und du?" Franz
antwortet nicht. Jo fängt wieder an zu sprechen. "Hey, du siehst dem
Typ in der Zeitung verdächtig ähnlich. Du fehlst seit gestern,
nicht?" - "Ich bin in der Zeitung?", fragt Franz erstaunt.
"Klar. Voll das Theater machen die um dich. Überall hängen
Fotos von dir. Würde mich nicht wundern, wenn bald 'ne Belohnung drunter
steht", meint Jo grinsend. "Willst du?" Jo hält Franz eine
Zigarre unter die Nase. "Bist danach nicht mehr so hungrig."
Franz schüttelt den Kopf. "In einer halben Stunde gehen wir",
brummelt Jo. "Wer wir?", fragt Franz überrascht. "Dumme
Frage. Du und ich. Du hast dich doch entschieden, als Penner zu leben.
Dann wirst du mal so wie ich: stinkend, arm, faul, von anderen verachtet,
im Winter mit erfrorenen Händen, überall und nirgendwo zu
Hause..."Hey, wer hat das gesagt?" Ängstlich starrt Franz Jo
an. "No hör mal! Nachdem du in der Zeitung warst, kannst du doch
nicht mehr nach Hause gehen!" Jo rülpst laut. "Hier, willst
du?", fragt er und hält ihm zwei Ameisen hin. "Sind echt
lecker!" Franz springt auf, packt seine Tasche und rennt, als ob ihn
jemand verfolgt, Hals über Kopf davon. Immer wieder schaut er
zurück und sieht Jo dastehen und mit den Händen fuchteln. "So ein
Junge", denkt Jo. Er wäre fast so dumm geworden wie ich damals.
Wenigstens hab' ich jetzt was Gutes getan." ... (Ch. H.)
Anhang2
Wähle eine
der drei Zeitungsnachrichten und gestalte sie zu einer spannenden und
lebendigen Erzählung aus:
Bleibach, 2.Juni
Gestern in den Abendstunden entlud sich ein
schweres Gewitter über der hiesigen Gegend. Taubeneigroße Hagelkörner
prasselten hernieder. Der Blitz schlug in ein altes Bauernhaus ein. Es
brannte mit der Scheune und den Stallungen bis auf die Grundmauern nieder,
obwohl die Freiwillige Feuerwehr schnell zur Stelle war. Ein Feuerwehrmann
wurde von einem herabstürzenden Balken getroffen und musste ins
Krankenhaus gebracht werden.
Jogger traf
im Wald den König der Tiere
dpa. ALFELD.
Einem Jogger aus der Gemeinde Grünenplan beim niedersächsischen Alfeld
ist am Freitag im Wald ein ausgewachsener Löwe begegnet. Nach Angaben
der Polizei vom Sonntag flüchteten die beiden blitzschnell und in
entgegengesetzte Richtung«. Eine aus 30 bis »an die Zähne bewaffnete«
Schar von Polizisten, ein Polizeihundeführer, 25 Forstbeamte und Jäger
sowie 25 Feuerwehrleute suchten - unterstützt von einem
Polizeihubschrauber — bis zum späten Sonntagnachmittag vergeblich nach
dem Tier. Sie fanden jedoch Spuren. Nur ein Autofahrer bekam das Tier am
Sonntag zu Gesicht, als es etwa 15 Kilometer von der ersten Stelle
entfernt eine Bundesstraße überquerte und auf einer Kuhweide verschwand.
Bereits am Sonntagvormittag war die Bevölkerung über Rundfunk vor
Waldspaziergängen gewarnt worden. Der Verdacht, dass der Löwe aus
einem in Alfeld gastierenden Zirkus ausgerissen war, bestätigte sich.
Im Nebel auf
dem Bodensee verirrt
Wasserschutzpolizei
entdeckte 77jährigen Mann nach fast 20stündiger Irrfahrt
Isw. KONSTANZ.
„Jetzt habe ich aber Hunger und Durst", lauteten die ersten Worte
eines 77 Jahre alten Mannes, als er nach fast 20-stündiger Irrfahrt im
Nebel am Montagmorgen in einem kleinen Ruderboot auf dem Untersee von Beamten
der Konstanzer Wasserschutzpolizei entdeckt wurde. Nach Polizeiangaben
war der ehemalige Gärtner der Bodenseeinsel Reichenau mit seinem mit
einem Kompass ausgerüsteten Boot am Sonntagmittag von der Reichenau aus
„in See gestochen".
Der alte Mann,
der noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück sein wollte, wurde am
Nachmittag von plötzlich aufkommendem Nebel überrascht. Als er zum
angegebenen Zeitpunkt noch nicht wieder zu Hause erschienen war, hatten
seine Angehörigen die deutsche Wasserschutzpolizei alarmiert, die,
zusammen mit der Schweizer Seepolizei, mit mehreren mit Radar ausgerüsteten
Booten bis in die Nacht vergeblich nach dem Verschollenen fahndete.
Als am
Montagmorgen die Suche wieder aufgenommen wurde, orteten die Beamten
schließlich auf ihren Radarschirmen ein Boot, das vor Iznang im
Untersee ständig im Kreis herumfuhr. Wenig später fand man den Gärtner
putzmunter in seinem Boot sitzend. Er beklagte sich lediglich, dass sein
Kompass ausgefallen sei und er im Nebel die Richtung zur Reichenau
verfehlt habe. Dje Nacht habe er an Land auf der Spitze der Halbinsel
Mettnau verbracht. Gefroren habe er nicht, da er die beiden im Boot
vorhandenen Schwimmwesten übereinander angezogen habe.
Zwölf Stunden
Zittern in Seilbahn
Nächtliches
Drama endete für rund 100 Ski-Touristen glimpflich
Alles hatte am
späten Donnerstagnachmittag kurz vor Einbruch der Dunkelheit begonnen.
Nach einem vergnügten Tag auf den sonnenbeschienenen Skipisten,
unterhalb des fast 2000. Meter hohen Monte Tamaro nördlich von Lugano
machten sie sich auf die erste Etappe der Heimfahrt mit der Seilbahn von
der 1530 Meter hohen Bergstation zur Talstation in Rivera. Zwischen 30 und
40 der kleinen Kabinen waren besetzt. Mittendrin blieben sie in zum Teil
beträchtlicher Höhe vom Boden stehen und wurden zum Gefängnis für die
Insassen.
Die Feuerwehren
aus dem Gebiet von Lugano und die Tessiner Kantonspolizei konnten mit
Leitern einige Passagiere aus Kabinen in Bodennähe befreien. Für die
anderen begann das qualvolle Warten auf die dann nur noch mit
Hubschraubern mögliche Bergung. Scheinwerferkegel begleiteten die
einzelnen Rettungsaktionen, die sehr behutsam ausgeführt werden mussten
und deshalb erst nach insgesamt zwölf Stunden beendet werden konnten—
aber mit erfreulicher Bilanz: Es gab keine Verletzten, auch wenn einer der
Geretteten nach der Ankunft im Tal erklärte: »Das war hart«. '
Ufo
ließ Verkehr zusammenbrechen
Freiburg.
Mehrere Hundert Einwohner des Stadtteils Weingarten rannten gestern
früh aufgeregt in den öffentlichen Park ihres Ortes, um sich die
einmalige Chance nicht entgehen zu lassen, eine gerade gelandete fliegende
Untertasse aus nächster Nähe zu betrachten.
Der
Verkehr kam durch den großen Ansturm von Neugierigen vollständig zum
Erliegen, obwohl der Südwestfunk eigens zur Vorsicht gemahnt und dazu
geraten hatte, den außerirdischen Invasoren schon der eigenen Sicherheit
wegen lieber fernzubleiben. Die Polizei richtete einen zweiten Funkkanal
ein, um dringend Hilfe und
Verstärkung aus benachbarten Orten zum Schutz der Bevölkerung vor den
unbekannten Eindringlingen anfordern zu können.
Tatsächlich
stand mitten im Park ein schimmerndes, kegelförmiges Raumschiff. Die
Spannung unter den herbeigeeilten Schaulustigen wuchs, als aus ihm
undefinierbare Laute erklangen. Langsam öffnete sich schließlich sein
Oberteil...
Hinweis:
Zunächst Einfälle notieren und die Form der Erzählung planen!
Notizen:
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