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Schreibwerkstatt 2 |
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Michael Holzach:
Deutschland umsonst |
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Es gibt Texte und
Bücher, die jedes Sprachbuch überflüssig machen.
So zum Beispiel Hans Joachim Schädlichs "Der
Sprachabschneider" (siehe
"Rollenspiele"):
für die Klassenstufen 5/6 eine spannende Vorlesegeschichte oder Lektüre
und die beste Einführung in die Grammatik (Wortarten)!
Oder Günter Wallraffs
"Der Aufmacher"
(siehe "Presse")!
Auch Michael Holzachs "Deutschland umsonst" - ein
autobiografischer "Reisebericht", bestehend aus
Beschreibung, Schilderung und Reflexion - ersetzt mühelos einige in
Sprachbüchern behandelte Aufsatzarten, wobei ich in meinem Unterricht den Schwerpunkt auf die Schilderung lege. Anstatt das Buch als
Lektüre durchzunehmen oder den Klassen exemplarische Textauszüge zur
Untersuchung vorzulegen, lese ich daraus vor und benutze besonders
interessante Stellen als Schreibimpulse. In jeder Klasse gibt es Schüler,
deren Interesse dann so weit geweckt ist, dass sie sich das Bändchen
privat besorgen.
Einstiegsgespräch mit Tafelprotokoll
Titel und Untertitel regen selbstverständlich zu Spekulationen an:
- "Deutschland umsonst" - Wie ist das
möglich?
- "Zu Fuß und ohne Geld durch ein
Wohlstandsland":
Warum nimmt jemand solche Strapazen auf sich?
Kurzbiografie
Die Informationen entnehme ich der 2. Seite des Buches:
"Michael Holzach, 1947 in Heidelberg geboren,
studierte Sozialwissenschaften in Bochum. Als Reporter bei der ZEIT in
Hamburg befasste er sich vor allem mit den Problemen sozialer Randgruppen.
Seit 1978 freier Schriftsteller. Lebte ein Jahr bei den deutschstämmigen
Huttern in Nordamerika und schrieb darüber sein erstes Buch, Das
vergessene Volk (1980). 1983 erschien sein Buch Ich heiße Feldmann
und bin ein Hund (in Zusammenarbeit mit Freda Heyden). Der Autor ist
im Frühjahr tödlich verunglückt."
Ergänzung: Michael Holzach kam bei dem Versuch,
Feldmann aus einem Fluss zu retten, selbst ums Leben.
Textauszüge
- Deshalb gilt auch die erste
Stelle, die ich vorlese, Feldmann. Michael Holzach beschreibt hier
eindrucksvoll seinen Besuch im Tierasyl, wo er sich für seine
Wanderungen einen Begleiter aussucht:
"Im vorletzten Käfig, fast am Ende des
langen Ganges, liegt eine hellbraune Promenadenmischung auf dem
nackten Beton in der Ecke und beobachtet scheu das Toben ihrer
Mitgefangenen, mit eingezogenem Schwanz und angelegten Ohren, die
Stirn in Sorgenfalten und am ganzen Leibe zitternd. Die grüne
Kennkarte, die an ihrem Zwinger festgemacht ist, gibt spärlich
Auskunft über den furchtsamen Häftling: 'Rasse: Boxermischl.;
Geschlecht: rd.; Farbe: br.; Alter: etwa O,5 J.; Name: unbek.;
Heimaufenthalt: seit 1. 4. ' Handschriftlicher Zusatz: 'Mag Autofahren
nicht!' - das gibt für mich den Ausschlag." (S. 6)
- Die Art, wie Feldmann die neu
gewonnene Freiheit erlebt, scheint auch die Gefühle des Autors selbst
widerzuspiegeln, denn auf ihn stürmen - nach seinem Leben
in der Großstadt (Hamburg) - ebenfalls neue Eindrücke ein:
"Direkt vor den Elbbrücken muss ich
erschöpft Rast machen, auf einem Zipfel Grün am Straßenrand; doch
der Hund gibt keine Ruhe. Soweit die Leine reicht, beriecht er mit
wedelnden Schwanz jeden Grashalm, von oben nacht unten, von unten nach
oben, verharrt staunend vor der einsamen Gänseblume, nascht ein wenig
von einem Haufen Kaninchenknödel. Ein Abenteuer, dieses bisschen
Wiese, das erste Stück Flora in seinem Leben. Im Asyl hatte mich die
Tierpflegerin gewarnt: 'Der war nie draußen'." (S. 6)
- Sie verbringen ihre erste Nacht
im Freien vor den Toren Hamburgs. Wir erfahren, woraus Michael Holzachs
Gepäck besteht:
"Nur das Nötigste sollte mit: Schlafsack,
Kochgeschirr, Feldflasche, Regencape, Kleidung zum Wechseln plus kurze
Hose, Taschenmesser, Tabak, Pfeife, Streichhölzer, Zahnbürste,
Tagebuch, Kamera mit zehn Filmen, Heftpflaster für die Blasen,
Verpflegung für ein paar Tage und natürlich der selbstgeschnitzte
Wanderstock aus Korsika. So unbelastet wie nur möglich wollte
ich sein, ohne Uhr und damit ohne Zeit, ohne Karte und Kompass und
damit ohne Orientierung, ohne Bücher und damit ohne Leben aus zweiter
Hand. Das Wichtigste aber, was ich zu Hause ließ, war das, was man
gemeinhin zum Leben braucht: das liebe Geld, ohne das bisher nichts
ging." (S. 11/12)
- Vorlesenswert ist auch
Schilderung der Morgendämmerung und des Sonnenaufgangs:
"Rot und schwerfällig steigt die Sonne
hinter den Dächern der Siedlung empor. Die Nacht hat über die Wiese
einen weißgrauen Kristallschleier gelegt, der jetzt, in den ersten
flachen Sonnenstrahlen, glitzernd vergeht. Da alles noch schläft
hinter heruntergelassenen Jalousien, wage ich ein kleines Feuer für
einen Morgenschluck Tee. Die Hitze tut gut, sie vertreibt die letzten
klammen Gedanken der Dunkelheit. Die erste Nacht unter freiem Himmel
ist überstanden." (S. 13)
Schreibaufträge
Nach diesen Textstellen ist die Klasse auf
Schilderungen eigener Erlebnisse eingestimmt:
- Eine Radwanderung
- Eine Bergtour
- Eine Zeltfahrt
- Ein Abend am Lagerfeuer
- Eine Küsten-/Wattwanderung
Die eingepackten Lebensmittel sind
aufgebraucht. Michael Holzach muss für sich und Feldmann um Nahrung
betteln. Bevor ich die nächste Stelle - In der Konditorei (S. 29 - 31) -
vorlese, erhalten die Schüler/innen folgende Aufgabe:
- Ihr betretet ein Geschäft, um für
euch selbst und euren Hund etwas Nahrung zu erbitten.
Schildert die Stimmung/Atmosphäre im Laden
Wie fühlt ihr euch? - Gedanken, Beobachtungen (Der Verkäufer und die
Kunden mustern euch!)
Nach ihren eigenen Versuchen können die
Schüler/innen Michael Holzachs Schilderung natürlich wesentlich besser
beurteilen und würdigen (Anhang1).
Es folgen weitere Textproben aus dem Buch, in
denen M. H. schildert, wie er sich als Straßenbettler versucht. Es liegt
nahe, sich nun mit den Problemen der Obdachlosen zu beschäftigen. Das
kann auf verschiedene Weise geschehen:
- Erörterung: Aus welchen Gründen sind
viele Menschen obdachlos?
- Diskussion: Ist es sinnvoll, Straßenbettlern
Geld zu geben?
- Schilderung innerer Vorgänge:
1. Als bettelnder Tippelbruder (Obdachloser/Penner) auf dem
Gehsteig einer Großstadt: Gedanken, Gefühle, Beobachtungen, kleine
Erlebnisse...
2. Fünf Personen/Personengruppen kommen an einem Bettler vorbei. Wie
verhalten sie sich? Beschreibe auch ihre Gedanken und Gefühle.
3. Michael Holzach bettelt in der Fußgängerzone um 10 € für neue
Schuhsohlen.
| Michael
Holzach |
Passanten |
| Seine Gedanken |
Was er sagt |
Was er/sie
sagt/sagen |
Ihre Gedanken |
| 1
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| 2
|
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| 3
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Michael Holzachs Nachtwanderung im Allgäu
ist ein sehr schönes Beispiel für die Verwendung von Vergleichen
und Metaphern in einer Landschaftsschilderung (S. 191 - 193;Auszug:
s.
Anhang2)
Eigene Versuche lassen sich daran anschließen! |
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| Anhang1
Die Türglocke
der Konditorei macht ding-dong. Fette Cremetorten und obstbeladene Kuchenböden
springen mir zu Dutzenden ins Auge. Gäste und Bedienung drehen die Köpfe.
Ihre Blicke wandern an mir herab: Mein Hemd ist verschwitzt, in
die Jeans hat der Stacheldraht einen Triangel gerissen, sandiger Staub
bedeckt die Schnürschuhe. Die Landstraße ist mir wohl schon anzusehen.
Ich halte mich an meinem Stock fest und warte im Verkaufsraum vor dem
Kuchenbüfett, bis ich an der Reihe bin. Fünf Kunden stehen noch vor mir,
zwei Uniformierte, zwei sonntagsfeine mollige Damen und ein Junge in
kurzen Hosen. Er blickt mit freundlicher Neugierde, bis ihn die eine mit
spröder Stimme fragt: »Willst du nun Apfel oder Aprikose?« Er will
keins von beiden, lieber Negerküsse. Die Frau bestellt »zwei
Aprikosenschnittchen >mit<. Der Junge zieht einen Flunsch. Nachdem
die Soldaten endlich ihre Wahl zwischen dem Schokoladenkuchen, der
Rumtorte und dem Buttercremestrudel getroffen haben, wendet sich die Verkäuferin
mir zu. »Sie wünschen, bitte?« Welch eine Frage! Mir ist alles recht,
ob Schnittchen, ob Torte oder Strudel, auch einzupacken braucht sie es gar
nicht erst, ich verzehre gleich hier, stehenden Fußes. Das Bedienungsmädchen,
blond, weißgeschürzt, wartet auf meine Bestellung. Ding-dong, neue
Kundschaft kommt, durch den Türspalt sehe ich draußen meinen
angebundenen Feldmann, der sorgenvoll zu mir hereinstarrt. »Sie wünschen,
bitte?« Ein wenig über den Tresen gebeugt, um nicht zu laut sprechen zu
müssen, kommt aus mir der Spruch von Gustav: »Haben Sie wohl etwas altes
Brot oder Gebäck übrig?« Mit dieser Frage ist auch meine Verlegenheit
über dem Tresen. Als hätte ich dem Mädchen einen unsittlichen Antrag
gemacht, läuft sie rot an, sagt nach kurzem Zögern dann »Einen Moment«
und verschwindet durch eine Tür neben dem schön dekorierten Pralinenregal.
Auf der Straße schrillt das Martinshorn einer Militärstreife heran und fährt
vorbei. Die Aprikosenschnittchen lächeln mich an. Ding-dong, noch mehr
Leute. Endlich kommt die Bedienung zurück, immer noch etwas verfärbt im
Gesicht, eine Papiertüte in den Händen. »Bitte«, sagt sie mit
betretenem Lächeln. »Danke«, sage ich, bemüht, ihrer Stimmlage zu
entsprechen. Mit einem Ding-dong bin ich wieder draußen an der Luft.
Feldmann tanzt.
Anhang2:
"...Endlich ein Weg, der uns auf phosphoreszierendem Schotter in
weiten Bögen zu Tal führt. Ein Verkehrschild steht da wie ein
Totempfahl. Roter Kreis auf weißem Grund, Durchgang verboten. Schaut man
aber genau hin, ist hier das Rot nur gedacht, gespeichert von der
alltäglichen Erfahrung; in dieser mondblassen Wirklichkeit ist es
dunkelblau und viel größer als gewohnt. Verfremdet sind auch die
Baumstümpfe eines gerodeten Waldstücks, die wie krüpplige
Menschenleiber erscheinen, wie Frauengestalten ohne Unterleib, wie
verwachsene Gnome, die sich in zähen Verrenkungen in die kalte Erde
graben. Aus den stummen Schonungen dicht am Weg greifen Hände mit
dürren, spitzen Fingern nach uns, ein Käuzchen klagt schrill. Und dann
steht da am Ende des Waldstücks, direkt an der Straße ein Kasten, nicht
größer als ein Kindersarg..." |
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