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Gestaltende Interpretation ( Zentrale Klassenarbeit 2001)
 

Margret Steenfatt (geb. 1935): Im Spiegel

Aufgabe: Nach dem Treffen mit seiner Clique kommt Achim am Abend wieder in sein Zimmer zurück. Er betrachtet den zerstörten Spiegel und versucht, sich sein Verhalten am Nachmittag zu erklären. Gestalten Sie einen inneren Monolog.
 

Innerer Monolog

Knall. Die Tür ist zu, richtig zu. Ich falle aufs Bett, blinzle an die Decke. Sie ist weiß, makellos weiß, kaum Flecken. Das Weiß dreht sich vor meinen Augen. Es schaukelt leicht zusammen mit meinem Bett. Vor und zurück. Wie ein Schiff auf dem Meer. Ich werfe die Schuhe von mir. Krach - in die Ecke. Ich bin betrunken. Verdammt bin ich besoffen! Das Karussell dreht sich und dreht sich auch vor geschlossenen Augen. Ein gleichmäßiges Schwarz torkelt im Kreis. Ein Vodkabull zu viel? .... viel zu viel. Mann, verdammt! Mein Magen rumort. Wenn mir schlecht wird, habe ich ein Problem. Mein Vater ist zu Hause. Er sitzt im Wohnzimmer und schaut „Wetten dass". Stumpfsinnige Sendung. Der Mistkerl! „Kannst du eigentlich nichts anderes als dich vollaufen zu lassen?!" Seine Worte. „Du bist verkommen. " Ja, ich weiß, ich bin ein Assi. Aber was bist du? Ein Spießer, ein Heuchler. Einer, der die Türken aus Deutschland verbannen will und die Schwulen und am besten noch alle Hauptschüler. Schönes Haus, Auto, perfekte Zahnpastalächelfamilie. Und freitags am Stammtisch das übliche Lästerprogramm über alles, was deine spießige Welt ins Wanken bringt, alles, was anders ist als du. Ich drehe mich auf den Bauch. Er brodelt Unheil verkündend. Wenn ich kotzen muss, merkt er, dass ich dicht bin und dann kommen wieder Vorwürfe. Magen, bitte lass mich nicht im Stich! Ich stehe auf und stolpere zum Spiegel. Er ist nicht mehr da. Ich glotze fassungslos auf eine weiße Fläche. Schon wieder weiß. Auf dem Boden liegen Scherben, teilweise blutverschmiert. Lauter Scherben. Mit hängenden Armen stehe ich da. Leere Fläche, blutige Scherben. Ist so nicht auch mein Inneres? Sieht es da nicht genauso farblos und kaputt aus? Ich hebe eine Scherbe auf, setze sie an die Haut und ritze einen kleinen Schnitt. Er blutet nur wenig. Da fällt mir plötzlich alles wieder ein. Der Grund, warum ich den Spiegel zerschlagen habe und überhaupt alles, was passiert ist. „Du kannst nichts! Aus dir wird nie was!" Er schrie so laut, dass es bestimmt sogar mein schwerhöriger Nachbar mitbekommen hat. Er war kurz davor, mir eine zu scheuern. Aber er tat es nicht. Mein Vater schlägt mich nie. „Was soll denn aus dir werden? Trinken, das kannst du. Saufen wie ein Loch und mit deinen Pennerfreunden auf der Straße herumlümmeln." Er tobte und Mutter stand mit bekümmertem Gesicht daneben. „Junge, du bist ein Sorgenkind", seufzte sie. Das gab mir den Rest, ehrlich. Wegen einer lausigen Fünf in Mathe und einer Sechs in Physik. Na und? Ich hasse Physik. Ja, ich weiß, ich bin dumm... dumm wie Stroh. Ich bin Dreck. Ich sinke in die Scherben. Mutters Blick. So enttäuscht. Ich kann ihn nicht ertragen. Wie an dem Tag, als ich mit dem Abschlusszeugnis der vierten Klasse nach Hause kam: Hauptschulempfehlung. Oder nach dem Ausrutscher mit dem Joint oder... ach es gab tausend Situationen, in denen sie ihren Killerblick zum Einsatz brachte. Der Blick macht mich fertiger als alles andere. Dagegen ist sein Geschreie wirkungslos. Vor ein paar Stunden... wie er sich aufbaute in der Tür. Starker Mann. Groß und mächtig in seinem schwarzen Geschäftsanzug. Alles, um mir das Gefühl zu geben noch kleiner zu sein, als ich mich eh schon fühlte. Schau, ich habe es zu etwas gebracht, mein Sohn. Und du... du bist ein Nichts. Er fegte meine Metallica CDs vom Tisch. „Kein Wunder, dass du verblödest bei dieser Krachmusik", meinte er kalt. „Warum strengst du dich nie an? Warum bist du so faul mein Sohn? Mit diesen Zensuren wirst du nie eine Arbeitsstelle finden. Du musst die weiterführende Schule schaffen! Hast du das kapiert?! Geht das in deinen verbohrten Schädel?!" Was so viel hieß wie: Mein Sohn darf kein Hauptschüler sein. Hauptschüler sind in seinen Augen minderwertig, blöd und gewaltbereit. Gut. Er hat Recht. So bin ich. Warum lässt er mich nicht in Ruhe? Warum hört er nicht auf mit den Beschimpfungen, wenn er eh weiß, dass es stimmt? „Schau dich an." Er zerrte mich vor den Spiegel. „Das bist du... du bringst es nicht weit. Du bist schon total abgerutscht." Ich sah mein Gesicht und seins dahinter. Wut verzogen, stark, hart. Davor ich. Nicht lang, nicht Kurz-Frisur. Falsch aussehendes Nietenhalsband, ausdruckslose Augen. Mann, das war ich! Ich fühlte mich auf einmal so leer. Leer wie jetzt der Platz wo einst der Spiegel gehangen hatte. Was kann ich schon tun? Ich werde es ihm nie Recht machen. Der verdorbene Sohn, das schwarze Schaf. Ich bin ausgestoßen und kann mich noch nicht einmal in die Rolle „Cooler Freak" flüchten. Ich bin alles andere als cool. Ich bin schwach. Schwach und weich wie Butter. Und ich hasse das. Könnte ich doch wenigstens cool sein. Deshalb übermalte ich den Spiegel und zerschlug ihn dann. Ich konnte dieses Gesicht nicht mehr sehen. Blass und im Schatten meines starken und harten Vaters. Mistkerl, verdammter! Mein Kopf dröhnt. Ich bin ein Assi. Ich gebe es zu. Was tust du? Du fühlst dich toll als Spießer mit versteckt braunem Gedankengut. So selbstgerecht muss man sein, aber wirklich! Ich nehme die Scherbe wieder auf und steche mir fest in den Arm. Es tut nicht weh. Zu sehr tut es in mir drin weh. Blut rinnt in schmalen Bächen über meine Handgelenke auf den Teppich. Ich blicke den Tropfen nach, wie sie quellen, wie sie fließen. Ich bin ein Idiot. Ich bin dumm. Ich kann nichts außer saufen. Ein schlechter Sänger brüllt mir die Tatsachen ins Ohr. Zum Glück muss ich nicht mehr in den Spiegel sehen. Ich bin so hässlich und ich sehe verdammt noch mal so aus, wie ich mich fühle. Wie schön, dass ich ihn zerschlagen habe. Leer, leer. Warum bleibt Leere zurück? Ich weiß nicht wohin mit mir. Was macht man, wenn man weiß, ein Nichts zu sein? Beten? Schreien? Hinnehmen? Nichts dergleichen. Es tut gut, sich zu schneiden. So psychomäßig den Schmerz körperlich machen um innerlich zu vergessen. Es funktioniert nur schlecht, aber ein wenig, immerhin ein wenig... ich starre wieder an die Decke, die Scherben am Pulli kleben. Der Vodka macht die aufkommende Depression schlimmer. Ich versuche mich abzulenken und an Biggi zu denken, das süße blonde Mädchen, mit dem ich mich nächste Woche treffe oder an Olli mit seinen lustigen Storys. Nichts hilft. Immer wieder schiebt sich der Anblick des Spiegels und meines zerschnittenen Arms dazwischen. Alles Schöne löst sich auf. Zurück bleibt die Angst vor der Prüfung am Ende der Neunten, die Angst vorm weiteren Versagen und der Wut meines Vaters. Angst, Leere, Angst. Es wechselt sich ab und die Decke schlägt Falten. Sie windet sich zu Grimassen und lacht mich aus. „Du bist ein Versager, du bist ein Versager!" Ich weiß. Hört doch auf! Hört doch endlich auf! Lasst mich in Ruhe! Ich schalte meine Anlage an, nur um die Stimmen der Wand zu übertönen. Metal, irgendein Zeug, laut, hart, Gröhlen. Lautstärke 20. Der Boden vibriert. Hartes Klopfen an die Tür. „Mach die Musik leiser! Bist du wieder besoffen oder was?!" Man hört seine Stimme trotz der Lautstärke deutlich. Da kommt es hoch, alles. Wahrscheinlich weil ich dicht bin. Da packt's einen eher mal als völlig nüchtern. Ich fange an zu heulen. Richtig zu flennen wie ein kleines Kind. Die Tränen träufeln auf die Wunde und mischen sich mit dem Blut. Ein hässliches hellrotes Gerinnsel. Ich schlinge die Arme um den Bauch und heule ganz still vor mich hin. Tonlos und voll Schmerz. Ich bin ein Nichts und ein Schwächling. Ich hasse das. Ärgerlich fahre ich mir durchs Gesicht. Das Geflenne hört nicht auf. Ich bin fertig, total. Ich muss hochkommen, aber wie? Ich balle die Fäuste um die Scherben. Ich schneide mich. Es blutet noch mehr. Ich
wische mir die Augen. Ein Segen ist der Verlust des Spiegels! Ich sehe bestimmt noch schlimmer aus als sonst. Achim, geh ins Bett und schlafe deinen Rausch aus, sagt meine Vernunft. Morgen wird es wieder besser. Vergiss es, antwortet mein Gefühl. Morgen ist alles gleich, wie immer, wie jeden Tag. Sag mir, was sich ändern soll. Ich kann mir nichts vorstellen.

Fabienne Bischler
 

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